Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  Optimisten.

377

Wir  haben  schon  auf  die  Tatsache  aufmerksam  gemacht,  daß  in  den
Vereinigten  Staaten  das  Wachstum  des  Reichtums  viel  schneller  als  das
der  Bevölkerung  vor  sich  gegangen  ist  (s.  o.  S.  142).  Und  das  Beispiel
der  gleichzeitigen  Entwicklung  Deutschlands  in  den  letzten  30  Jahren,
sowohl  was  Bevölkerung  als  was  Reichtum  anlangt,  ist  noch  viel  auffälliger.
Aber  auch  hierin  unterliegt  die  Theorie  Carey’s  über  die  Bevölkerung
der  gleichen  Kritik,  wie  die  über  die  Rente,  nämlich,  daß  sie,  wenn  sie
auch  bis  zu  einer  gewissen  Dichtigkeitsgrenze  unbestreitbar  richtig
ist,  doch  nicht  zu  dem  Glauben  berechtigt,  daß  sie  es  auch  darüber  hinaus
and  bis  ins  Endlose  sein  wird.  Man  kann  nur  sagen,  daß  dieses  Maximum
noch  in  keinem  zivilisierten  Lande  überschritten  worden  ist,  und  daß
insoweit  die  MALTnus’schen  Befürchtungen  nicht  gerechtfertigt  worden
sind.  Aber  nichts  erlaubt  die  Annahme,  daß  jene  Befürchtung  zur  Wirklichkeit ­
  geworden  wäre,  wenn  nicht  die  willkürliche  Einschränkung  der
Geburtlichkeit,  das  Wachstum  der  Bevölkerung  und  der  Unterhaltsmittel
auf  gleicher  Höhe  gehalten  hätten.

Mit  dem  Namen  Bastiat’s  wird  sehr  oft  der  Dunoyer’s  in  Verbindung
gebracht,  von  dem  wir  schon  Gelegenheit  hatten,  in  diesem  Kapitel  zu
sprechen 1 ).  Er  war  einer  der  streitbarsten  Vorkämpfer  des  politischwirtschaftlichen ­
  Liberalismus,  und  zwar  auf  Grund  seines  absoluten
Glaubens  an  die  freie  Konkurrenz  und  seiner  Überzeugung,  daß  sie  ausreiche, ­
  um  die  soziale  Frage  zu  lösen 2 )-  Nach  seiner  Ansicht  beruhen  die
Übel,  die  man  ihr  zuschreibt,  nur  darauf,  daß  die  freie  Konkurrenz  erst
unvollkommen  verwirklicht  ist.  Niemand  stand  daher  dem  Staatssozialismus ­
  und  dem  Interventionismus  unter  allen  seinen  Formen,  Arbeitergesetzgebung, ­
  Schutzzoll,  Reglementierung  des  Eigentums,  sei  es
au ch  nur  des  Forsteigentums,  feindlicher  gegenüber  als  er.  Wir  haben
schon  darauf  hingewiesen,  daß  er  sogar  der  freien  Assoziation  feindlich
gesinnt  war,  insoweit  als  sie  der  Konkurrenz  der  Individuen  hinderlich  ist.
In  logischer  Übereinstimmung  mit  seiner  Überzeugung  ist  er  für  die
ubsolute  Testierungsfreiheit,  ohne  sie  durch  irgendwelche  Vorbehalte  zugunsten ­
  der  Erben  zu  beschränken,  aber  er  lehnt  das  Recht  ab,  Nacher
 ben  festzusetzen,  denn  diese  dem  Erblasser  gewährte  Freiheit  wird  notwendigerweise ­
  zu  einer  Beschränkung  der  Freiheit  seiner  Erben 1 ).

^twicklung  andererseits,  deren  Wirkung  darin  bestehen  soll,  die  Vermehrung  der
evölkerung  in  geradem  Verhältnis  zum  Fortschritt  der  Zivilisation  automatisch  zu
v  «langsamen.
')  Charles  Dünoyer’s  Buch  La  Liberty  du  travail,  von  dem  wir  schon  gesprochen ­
  haben  (s.  o.  S.  352ff.)  erschien  zuerst  1825;  die  letzte  Ausgabe  ist  von  1845.
^  hat  daher  vot  Bastiat  geschrieben.  Er  leistete  unter  der  Restauration  aktiven
'derstand,  wurde  später  Präfekt  und  dann  unter  Louis-Philippe  Staatsrat.
’j  Es  ist  das  übrigens  dieselbe  These,  die  späterhin  Molinari  aufgestellt  hat.
)  Im  Falle  einer  Erbfolge  ab  intestato  ist  er  für  gleiche  Teilung.  Die  Gründe,
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.