374
Drittes Buch. Der Liberalismus.
Eigentümlicherweise stehen die Volks Wirtschaftler der individualistischen,
liberalen Schule diesen Vereinigungen wenig wohlwollend
gegenüber 1 ).
§ 5. Das Gesetz der Solidarität.
Dieses Gesetz, das heute jeder imMunde führt, hat Bastiat, und das
darf nicht vergessen werden (wie es fast alle Schriftsteller, die über diesen
Gegenstand schrieben, taten) als der erste auf einen Ehrenplatz in der
Nationalökonomie gestellt 2 ): eins der leider unvollendeten Kapitel der
„Harmonies“ trägt die Überschrift „Solidaritö“, und Bastiat erklärt
sogar: „Die ganze Gesellschaft ist weiter nichts als eine Gesamtheit von
sich kreuzenden Solidaritäten.“ 3 )
Täuschen wir uns aber nicht: die Solidarität bedeutete ihm etwas
ganz Anderes, als was wir heute darunter verstehen. Auch zieht er aus
ihr durchaus nicht die gleichen Schlüsse.
Was uns heute die Solidaristen lehren, und das, worauf sie eine neue
Moral gründen wollen, ist, daß jedes Individuum Anderen alles das verdankt,
was es Gutes und Schlechtes besitzt, seinen Reichtum und seine
Armut, seine Tugend und seine Laster, und daß es daher die Pflicht hat,
den Anderen, den Enterbten, das Gute zurückzugeben, das es empfangen
hat, — und ebenso das Recht, von den Privilegierten eine Entschädigung
für die Übel zu verlangen, denen es unterworfen ist; — hiervon leitet man
die gesetzliche Verpflichtung der Unterstützung, der Versicherung, des
Arbeiterschutzes, des Unterrichtes und der Steuern ab. Diese Lehre ist
daher eine Verneinung oder zum wenigsten! eine Abschwächung des strikten
Prinzips der individuellen Verantwortlichkeit.
So aber versteht es Bastiat durchaus nicht. Er will der individuellen
Verantwortlichkeit in keiner Weise zu nahe treten, denn sie ist die unentbehrliche
Ergänzung der Freiheit. Von diesem Gesichtspunkte aus erscheint
ihm die Solidarität, durch die gegenseitige Abhängigkeit, die sie
schafft, eher als beunruhigend. Er fragt sich sogar, ob man „die Solidarität
nicht beschränken muß, um die gerechte Vergeltung der Handlungen zü
beschleunigen und sicherzustellen“? Was ihn aber mit ihr aussöhnt, ist,
1) Z. B. Yves Guyot in dem Journal des Lconomistes von 1904 und
passim. Und von sozialistischer Seite, Sorkl, in dem soeben angeführten Buch.
2 ) Jedoch hatte er das Wort nicht erfunden; wir wiederholen, daß es der Sozians
Pierre Leroux war, der hierfür das Prioritätsrecht beanspruchen kann; siehe oben S. 2o°-3
) Harmonies, Kap. XXI, S. 624.
„Es gibt niemanden auf der Erde, dessen Lage nicht von Milliarden Tatsacn
bestimmt würde, auf die seine Entschlüsse keinen Einfluß haben“ (ebenda, S.
„Alle profitieren von dem Fortschritte eines Jeden, ein Jeder profitiert v
dem Fortschritt Aller“ (Harmonies, Kap. XI, S. 411).