Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  401

im  alleinigen  Besitz  der  Wirtschafts  -  Wissenschaft  betrachtete.
Man  muß  zugeben,  daß  diese  Doktrinen  ein  wohl  zusammengefügtes
Ganzes  bilden,  das  aufrecht  und  imponierend  dasteht.  Zugeben  muß
man  aber  auch,  daß  sie  nicht  viel  Gutes  Voraussagen,  ausgenommen
ihr  die,  die  zufälligerweise  den  besitzenden  Klassen  angehören.  Besagen ­
  diese  Doktrinen  doch,  daß  die  Arbeit  dem  Arbeiter  nur  das
Existenzminimum  sichere,  oder  auf  jeden  Fall  doch  nur  einen  Lohn,
der  von  Ursachen  bestimmt  wird,  auf  die  er  keinen  Einfluß  hat,  wie
z -  B.  der  größere  oder  geringere  Überfluß  an  Kapitalien,  oder  die  Bewegung ­
  der  Bevölkerungskurve,  Ursachen,  auf  die  auch  die  Freiheit
der  Assoziation  und  Koalition,  die  man  übrigens  höchst  gnädig  für  ihn
verlangt,  ohne  Einfluß  bleibt;  —  daß  der  Antagonismus  des  Profits
und  des  Lohnes  ein  feststehendes  Gesetz  sei  und  einen  unversöhnlichen
Konflikt  Voraussage;  —  daß  der  Besitz  des  Bodens  ein  Monopol  sichere,
§ e gen  das  der  Freihandel  nur  eine  ganz  unbedeutende  Wirkung  ausüben ­
  kann;  —  daß  die  Rente,  nämlich,  das  Ergebnis  aller  günstigen
Chancen  des  Lebens,  die  denen  Vorbehalten  sind,  die  so  wie  so  schon
JÜe  Mittel  haben,  ohne  sie  ein  behagliches  Leben  zu  führen,  einen
immer  größeren  Platz  in  den  Einkommen  einnehmen  werde;  —  daß
Jegliche  Einmischung  des  Staates  oder  des  Gesetzgebers  zugunsten
üer  Arbeiterklasse  mit  ihrer  Würde  und  ihren  wirklichen  Interessen
uicht  vereinbar  sei.  —  Alles  dies  war  nicht  dazu  angetan,  im  Volke  besondere
üreude  hervorzurufen.  Wenn  die  Wissenschaft  auch  sicherlich  nur  das,
Was  wahr  ist,  zu  suchen  hat,  und  nicht  das,  was  zusagt,  so  mußte  man
S1 °h  doch  darauf  gefaßt  machen,  daß  die  Menschen  mit  der  letzten  Ver-2
 weiflu n g  kämpfen  würden,  ehe  sie  zugaben,  daß  all  diese  Lehrsätze
Wirklich  bewiesene  Wahrheiten  seien.  Gerade  Stuart  Mill  hatte  so  kraftv
 °u  dazu  beigetragen,  diese  Menge  von  Lehrsätzen  zu  einem  festen  Ganzen
f Usa mmenzuschweißen  und  das  Gebäude  zu  krönen,  daß  Cossa  sagen
°nnte,  seine  Prinzipien  seien  „die  beste  Zusammenstellung,  Vollendung
, n<  Darlegung  der  Doktrinen  der  klassischen  Schule  in  ihrer  genauesten
orm“ 1 ).  u n( j  gerade  er  eröffnete  nun  in  den  folgenden  Ausgaben  seines
wehes  und  hauptsächlich  in  seinen  späteren  Schriften  neue  Ausblicke,
, 16  v i e le  von  denen  zum  Abfall  brachten,  die  der  klassischen  Schule  sonst
jjTeu  geblieben  sein  würden,  und  sie  nach  dem  hin  orientierte,  was  man
cr alen  Sozialismus  nennen  könnte.
j.  Wir  dürfen  wohl  ohne  Einseitigkeit  behaupten,  daß  die  eigentümr.
 e  Wandlung  Stuart  Mill’s  zum  großen  Teil  dem  Einfluß  der  fran-^M^nJjedanken
  zuzuschreiben  ist 2 ).  Man  könnte  ein  ganzes  und
)  Histoire  des  doctrines  öconomiques,  S.  338  der  franz,  Übers,
kra  - Wir  erin ne r n  daran,  daß  Stuart  Mill  sich  verschiedentlich  längere  Zeit  in
Saj . nkreic h  aufgehalten  hat  und  dort  sogar  sein  Leben  beschloß.  Er  hat  einen  Aufin
 s  jf SeSchrieben .  um  die  Revolution  von  1848  zu  verteidigen,  der  von  Sadi  Carnot
französische  übersetzt  worden  ist  und  als  Buch  veröffentlicht  wurde.
° lcle  and  Rist,  Gesell.  <1.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  26
            
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