Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mill. 405
können“ 1 ). Diese kooperative Lösung, die er „ein edles Ideal“ nennt,
kam ihm nicht von Owen, sondern von dem französischen Assozialismus,
der sie als Allheilmittel gepriesen hatte und sie 1848 zu einer glänzenden,
wenn auch nur ephemeren Blüte brachte. Man weiß, daß Stuart Mill
nicht der einzige gewesen ist, der von dem Schemen der Produktiv
genossenschaft verführt wurde: wie wir später sehen werden, beruhte
die englische Bewegung, die den Namen „christlicher Sozialismus“ trug,
direkt auf diesem Gedanken.
Stuart Mill lebte jedoch lange genug, um den Niedergang der
Produktivgenossenschaften in Frankreich und den Aufschwung der Kon
sumgenossenschaft in England zu sehen. Anscheinend hat ihm aber
dieser Gegensatz keine Veränderung seiner Auffassung der Produktiv
genossenschaft als Emanzipationsmittel nahe gelegt 2 ). Übrigens läuft
eins wie das andere stets auf eine Emanzipation des Arbeitenden „durch
eigene Kraft“ hinaus.
2. Die Bodenrente, die Ricardo und seine Schüler als eine natür
liche oder sogar notwendige Tatsache angenommen hatten, erschien
ihm gleichfalls als anormal. Sie stand ebenso wie das Lohnsystem im
Widerspruch mit dem Individualismus, wenn auch von einem verschiedenen
Gesichtspunkt aus. Wies sie doch gewissen Menschen das zu, was nicht
das Ergebnis ihrer individuellen Arbeit war, während der wirkliche In
dividualismus Jedem den Ertrag seiner Tätigkeit zuspricht: suum
euique!
Ob dieses Einkommen auf der Mitarbeit der Natur beruhte, wie
die Physiokraten und Adam Smitii glaubten, oder ob es, wie Ricardo
u nd Malthus annahmen, eine Folge des Andrängens der Bevölkerung
*) „Obgleich der Erfolg des militärischen Despotismus, der heute auf dem Kon
tinent triumphiert, es durchgesetzt hat, die Fortschritte des menschlichen Geistes zu
verzögern, ist es sicher, daß die Lage des Lohnempfängers bald nur den Arbeitern
genügen wird, deren moralischer Tiefstand sie der Unabhängigkeit unwürdig macht,
ynd daß das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer durch die Assoziation
ln einer der beiden folgenden Formen ersetzt werden wird: in gewissen Fällen zeit
weilige Assoziation der Arbeiter mit dem Unternehmer; in anderen Fällen, und zuletzt
111 allen, Assoziation der Arbeitnehmer untereinander“ (B. IV, Kap. 7, § 4).
„Auf diese oder auf eine andere Weise würden die bestehenden Kapitalansamm-
ungen ehrlich und ganz spontan zum Schluß das Eigentum derer werden, die sich
'hrer zur Produktion bedienen. Eine solche Umformung der Gesellschaft würde die der
sozialen Gerechtigkeit am nächsten kommende Form sein; eine Form, die für die Or
ganisation der Industrie im Interesse Aller die dienlichste ist, die man sich heute als
Möglich vorstellen kann“ (ebenda § 6).
2 ) Doch hat ihm wahrscheinlich der Aufschwung der Konsumgenossenschaften
den Gedanken eingegeben, dem er verschiedentlich Ausdruck gibt, und dessen Be
deutung nicht gering ist, daß der unbilligerweise von den Verbrauchern durch die
Zwischenhändler erhobene Tribut größer ist als der, den die Kapitalisten von den
Lohnempfängern erheben, und daß die Arbeitenden noch mehr von der Abschaffung
es ersteren, als der des zweiten gewinnen würden.