Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Und  wenn  auch  der  Unterschied,  den  die  Physiokraten  zwischen
Landwirtschaft  und  Industrie  zu  sehen  meinten,  größtenteils  nur  in
ihrer  Einbildung  vorhanden  ist,  so  bleibt  es  doch  wahr,  daß  die  Landwirtschaft ­
  durch  ihre  zweckvolle  Auslösung  der  pflanzlichen  und
tierischen  Kräfte  des  Lebens  einzigartig  dasteht.  Und  diese  geheimnisvolle ­
  Lebenskraft  —  vielleicht  dieselbe,  die  die  Physiokraten
unter  dem  Namen  Natur  undeutlich  zu  erkennen  glaubten  —  scheint
nicht  den  physikalisch-chemischen  Kräften  gleichgesetzt  werden  zu
können:  sie  besitzt  in  der  Tat  besondere  Eigenschaften,  die  die  landwirtschaftliche ­
  Produktion  von  der  industriellen  unterscheiden;  in
mancher  Hinsicht  ist  sie  ihr  unterlegen,  weil  ihr  Ergebnis  von  Zeit
und  Kaum  abhängig  ist,  in  anderer  wieder  ist  sie  ihr  überlegen,  weil
sie  allein  jene,  nur  ihr  innewohnende  Eigenschaft  besitzt:  nämlich
die  zur  Nahrung  des  Menschen  nötigen  Dinge  hervorzubringen.  Sie
stellt  daher  gewaltige  Probleme  auf,  die  schon  Malthus  ankündigen.
§  3.  Der  Umlauf  der  Güter.
Die  Physiokraten  waren  die  ersten,  die  die  Verteilung  der  Einkünfte ­
  in  eine  synthetische  Theorie  faßten.  Sie  haben  zeigen  wollen,
—  was  sicherlich  eine  geniale  Idee  war  —  daß  die  Güter  von  selbst  ]
aus  einer  Klasse  der  Gesellschaft  in  die  andere  zirkulieren,  daß  sie
kommen  und  gehen,  indem  sie  stets  den  gleichen  Kanälen  folgen,  ;
deren  Windungen  die  Physiokraten  mit  Erfolg  nachgegangen  sind.
„Dieser  Umlauf  ist  es“,  sagt  Tubgot,  „dessen  Beständigkeit  das  Leben
des  politischen  Körpers  ausmacht,  gerade  wie  das  Leben  des  tierischen
Körpers  vom  Blutumlauf  abhängt.“  —
Ein  Gelehrter,  wie  Dr.  Qüesnay,  der  ein  Buch  über  die  tierische
Ökonomie  geschrieben  hatteund  die  damals  noch  ganz  neue  Ent-  j
deckung  Harvey’s  kannte,  war  gerade  der  richtige  Mann,  um  diese
biologische  Idee  auf  die  Soziologie  anzuwenden.  Er  übertrug  sie  in
sein  Tableau  economique,  das  nichts  anderes  als  eine  Veranschaulichung ­
  der  Art  und  Weise  ist,  wie  sich  der  Umlauf  der  Einkommen
vollzieht,  und  dessen  Erscheinen  bei  seinen  Zeitgenossen  eine  unglaubliche ­
  Bewunderung  auslöste,  die  uns  heute  zum  Lächeln  bringt, 8 ).
Smith.  Das  Buch  ist,  wie  das  M£line’s:  Die  Rückkehr  zum  Boden  (Le  re  tour  jä
1  a  Terre),  obgleich  schutzzöllneriseh,  ganz  mit  dem  Geiste  der  Physiokraten  getränkt.
x )  Essai  physique  sur  l’Economie  animale,  1747.
2 )  „Seit  dem  Anfang  der  Welt“,  schreibt  der  Marquis  Mirabbau,  „sind  drei  Entdeckungen ­
  gemacht  worden,  die  den  politischen  Gesellschaften  ihre  Hauptstärke  gegeben ­
  haben.  Die  erste  ist  die  Erfindung  der  Schreibkunst,  die  zweite  die  Erfindung
des  Geldes.  Die  dritte,  das  Resultat  der  beiden  anderen,  das  sie  aber  erst  ergänzt,
indem  es  das  Objekt  der  beiden  anderen  zur  Vollkommenheit  bringt,  ist  das  „Tableau
            
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