Kapitel I. Die Physiokraten.
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Jedoch Professor Hector Deris erklärt, daß er nicht weit davon
entfernt sei, die Bewunderung Mirabeau’s zu teilen ] ).
Obgleich man seitdem erkannt hat, daß dieser Umlauf weit ver
wickelter ist, als ihn die Physiokraten sich vorstellten, ist es doch
der Mühe wert, diese primitive Zeichnung hier zu beschreiben 2 ).
Quesnay unterschied drei große soziale Klassen:
1. die produktive Klasse, in die nur die Landwirte (und viel
leicht die Fischer und Bergleute) gehören;
2. die besitzende Klasse, die nicht nur die Grundbesitzer um- ,
faßt, sondern auch alle, die auf Grund eines ßechtstitels Hoheits
rechte ausiiben: man sieht hier die Nachwirkung jener feudalen Idee
nach der die Hobeitsreclite mit dem Eigentum verbunden sind;
economiqne“, — die graphische Darstellung der volkswirtschaftlichen Verhältnisse,
die unter allen Anderen hervorragende Erfindung, die den Ruhm unseres Jahrhunderts
bildet, und deren Früchte die Nachwelt pflücken wird.“ Der Abbe Baude au sagt
nicht weniger lyrisch: „Ich habe mir gestattet, diese Figuren mit dem Einverständnis
des großen Meisters gesondert anzuführen, dessen schöpferischer Genius die wunder
bare Idee dieses Schanbildes erfand, das allen Augen das Ergebnis der höchsten
Wissenschaft vorführt und das diese Wissenschaft in ganz Europa zum ewigen Ruhm
seiner Erfindung und zum Wohl des Menschengeschlechts dauernd lebendig halten
wird“ (S. 867).
Die erste Ausgabe dieses Tableaus, die nur in einigen wenigen Exemplaren
gedruckt worden war, ist verloren, aber ein Korrekturbogen ist in der Pariser
Nationalbibliothek von einem deutschen Nationalökonom, Professor Stephan Bauer
an der Universität Basel gefunden und im Facsimile von einer ausländischen Gesell
schaft, der British Economic Association, 1894, veröffentlicht worden.
1 ) „Die Entdeckung des Umlaufs der Güter in den wirtschaftlichen Gesell
schaften nimmt in der Geschichte der Wissenschaft denselben Platz ein, wie die des
Blutumlaufs in der Geschichte der Biologie.“
2 ) Das Schaubild Quesnay’s zeigt gegenübergestellte Säulen, und ist mit Zick
zacklinien, die sich von einer Säule zur anderen kreuzen, bedeckt. Wenn Quesnay
heute lebte, würde er sicherlich von dem System der graphischen Darstellung, die
viel klarer ist, Gebrauch gemacht haben. Es nimmt wunder, daß niemand auf den
Gedanken gekommen ist, ihm diesen posthumen Dienst zn erweisen. Hector Denis
hat das „Tableau“ in anatomische Schaubilder übertragen, die er der Darstellung
der Venen und Arterien im menschlichen Körper gegenüberstellt.
Die Tatsache, daß Quesnay zur Erklärung seines Schaubildes arithmetische Be
rechnungen angewendet hat, gibt ihm den Anspruch darauf, bis zu einem gewissen
Grade, als Vorläufer der mathematischen volkswirtschaftlichen Schule angesehen zu
werden. Das hat man auch nicht unterlassen. Vgl. im Journal of Quarterly
Economics, 1890, einen Aufsatz von Prof. Stephan Bauer und im Economic
Journal, Juni 1896, einen Aufsatz von Oncken: „Die Physiokraten als Begründer
der mathematischen Schule.“ Übrigens ist Le Trosne noch viel kategorischer: „Da
die ökonomische Wissenschaft sich mit meßbaren Dingen befaßt, kann sie eine exakte,
der Berechnung zugängliche Wissenschaft genannt werden. Sie brauchte eine be-\
sondere Formel, die ihren Zwecken angepaßt war und die als Stütze der Vernunft
schlüsse diente. Diese Formel ist im „Tableau economiqne“ gegeben“ (De l’ordre
social — Über die soziale Ordnung —, eine Abhandlung, VIII, S. 218).