Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  417

Theorie  überhaupt  verwarf  und  in  der  Darstellung  der  Wirklichkeit  den
einzigen  Gegenstand  der  Wissenschaft  sah:  diesen  Weg  wählte  man  zuerst,
und  die  historische  Schule  schlug  ihn  ein.
Freilich  hatten  schon  lange  vor  der  Gründung  einer  historischen
„Schule“  gewisse  Schriftsteller  auf  die  Gefahr  hingewiesen,  die  der
Wissenschaft  aus  dem  Mißbrauch  der  Abstraktion  erwachsen  mußte.
Sismondi,  der  selbst  Historiker  war,  betrachtete  die  Nationalökonomie
als  eine  „moralische“  Wissenschaft,  in  der  „Alles  zusammenhängt“.  Er
wollte,  daß  man  die  ökonomischen  Phänomene  in  dem  sozialen  und  politischen ­
  Milieu,  in  dem  sie  auftraten,  studiere.  Er  kritisierte  die  allgemeinen ­
  Theoreme  Ricard  o’s  und  befürwortete  die  genaue  Beobachtung
der  Tatsachen 1 ).  Noch  kräftiger  hatte  List  die  klassischen  Volkswirtschaftler ­
  angegriffen.  Seine  Vorwürfe  machten  nicht  bei  Ricardo  halt,
sondern  wendeten  sich  sogar  gegen  Smith.  Indem  er  die  Geschichte  als
Demonstrationsmittel  benutzte,  indem  er  die  „Nationalität“  als  Basis
seines  Systems  nahm,  unterwarf  er  die  ganze  Handelspolitik  jenem  Prinzip
des  „Relativismus“,  auf  das  die  historische  Schule  so  viel  Nachdruck
gelegt  hat 2 ).  Und  weiterhin  hatten  die  Sozialisten  selbst,  besonders  die
Saint-Simonisten,  deren  ganzes  System  nur  eine  umfassende  Geschichtsphilosophie ­
  ist,  durch  ihre  Kritik  des  Eigentums  die  Unmöglichkeit  nachgewiesen, ­
  die  wirtschaftlichen  Tatsachen  von  den  sozialen  und  rechtlichen ­
  Einrichtungen  zu  isolieren.
Aber  keiner  dieser  Autoren  hatte  in  der  Geschichte  und  in  der  Beobachtung ­
  mit  Absicht  ein  Mittel  gesucht,  die  ganze  Volkswirtschaftslehre
neu  zu  konstruieren.  Dieser  Versuch  macht  die  Originalität  der  deutschen
historischen  Schule  aus.
Das  Werk  der  historischen  Schule  ist  ein  doppeltes  gewesen:  ein
Positives  und  ein  kritisches.  Ihre  kritische  Arbeit  unterwarf  die  Prinzipien ­
  und  Methoden  der  früheren  Nationalökonomen  einer  eingehenden
Diskussion,  die  stets  anregend,  aber  manchmal  ungerecht  war.  Durch
J hre  positive  Arbeit  hat  sie  der  Nationalökonomie  neue  Horizonte  erschlossen; ­
  sie  hat  das  Bereich  ihrer  Beobachtungen  und  den  Kreis  ihrer
Probleme  erweitert.
*)  Es  ist.  eigentümlich,  daß  die  „Historiker“  fast  niemals  Sismondi  unter  ihren
Vorläufern  aufzählen.  Roscher  und  Hildebrand  erwähnen  ihn  nicht,  und  Knies  hält
ihn  mehr  für  einen  Sozialisten  (vgl.  Die  politische  Ökonomie  vom  geschicht-”chen
  Standpunkt,  2.  Ausg.,  S.  322).
2 )  Doch  hat  auch  List  keine  Gnade  vor  den  „Historikern“  gefunden.  Hildebrand
wirft  ihm  vor,  mit  der  „atomistischen  Auffassung“  Smith’s  behaftet  zu  sein  und  die
„ethische  Natur  des  Gemeinwesens“  zu  vergessen.  „Bei  List,“  sagt  er,  „erscheint
jede  Unterordnung  des  Privatinteresses  unter  den  öffentlichen  Zweck  nur  als  Forderung
her  Klugheit  und  des  wohlverstandenen  Eigennutzes,  nicht  als  sittliche  Pflicht,  welche
aus  der  Natur  des  Gemeinwesens  hervorgeht.“  (Hildebrand,  Die  Nationalökonomie
Oer  Gegenwart  und  Zukunft,  S.  73.)  Man  ersieht  hieraus,  wie  die  ethischen
Forderungen  die  historische  Schule  beschäftigten.
Gide  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.

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