) -
418
Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
Wenn es aber relativ leicht ist, die kritischen Gedanken der Schule
darzulegen, die in Büchern und zahlreichen Artikeln enthalten und fast
allen Schriftstellern, die ihr anhängen, gemeinsam sind, so ist es doch
bedeutend schwieriger, die grundlegenden Auffassungen, auf denen ihr
positives Werk beruht, klar herauszuarbeiten. Diese Auffassungen sind
nämlich mehr eine Unterströmung in den Werken ihrer vornehmsten
Vertreter, als daß sie dort eindeutig formuliert wären. Jedesmal, wenn
sie sie definieren wollten, taten sie es (und einige ihrer Schüler erkennen
das bereitwillig an) 1 ), in einer unbestimmten und oft widerspruchsvollen
Weise. Auch sind ihre Grundgedanken bei den verschiedenen Schrift
stellern, die sich zur historischen Methode bekennen, nicht übereinstimmend
formuliert.
Um ermüdende Wiederholungen und zahllose Diskussionen zu ver
meiden, werden wir daher damit beginnen, eine gedrängte Übersicht
über die äußere Entwicklung der historischen Schule zu geben, — dann
werden wir das Ganze ihrer kritischen Arbeit untersuchen, — und zum
Schluß uns bemühen, ihre positiven Auffassungen über die Natur und
den Gegenstand der politischen Ökonomie auseinanderzusetzen. Hierin
liegt natürlich für den Historiker der Doktrinen der interessanteste Teil
ihres Werkes.
§ 1. Der Ursprung und die Entwicklung der
historischen Schule.
Der Gründer der Schule ist unbestritten Wilhelm Roscher, Pro
fessor an der Universität Göttingen, der 1843 seinen Grundriß zu Vor
lesungen über die Staatswissenschäft nach GESCHICHT
LICHER Methode 2 ) veröffentlichte. In dem Vorwort zu diesem kleinen
Werk legt er schon die Richtlinien fest, die ihn leiten sollten, Richtlinien,
die er später in seinem berühmten System der Volkswirtschaft,
dessen erste Ausgabe (die Grundlagen) 1854 erschien, ausführlich
entwickelte. Er erhebt nicht den Anspruch, sich mit etwas Anderem
als mit Wirtschaftsgeschichte zu befassen. „Unser Zweck“, sagt er, ,j st
die Beschreibung dessen, was die Völker in wirtschaftlicher Hinsicht
gewollt und gefühlt haben, der Zwecke, die sie verfolgten und erreichten,
der Ursachen, für welche sie sie verfolgt und erreicht haben 3 ).“ Eine
1 ) Siehe unter Anderem auch die Aufsätze von Max Weber in Schmoller’s Jahr
buch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen
Reich aus den Jahren 1903, S. 1881 und 1905, S. 1323. Die methodologischen Ir r '
tümer Roscher’s, Knies’ und Hildebrand’s werden dort ausgiebig kritisiert.
2 ) Grundriß zu Vorlesungen über die Staatswirtschaft nach ge
schichtlicher Methode, Göttingen 1843.
3 ) Grundriß, Vorwort, S. IV.