Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

und  18.  Jahrhunderts  anzuknüpfen 1 ).  Ihre  Aufgabe  war,  die  Studenten
in  die  praktischen  Wissenschaften  der  Verwaltung  und  der  Finanzen
einzuführen  und  vor  Allem,  ihnen  bestimmte  Vorstellungen  von  dem
wirtschaftlichen  und  sozialen  Milieu  zu  geben,  in  dem  sie  ihre  Tätigkeit
ausüben  sollten.  In  Wirklichkeit  stand  auch  die  englisch-französische
Nationalökonomie  in  sehr  engem  Zusammenhang  mit  gewissen  praktischen
Fragen  der  Steuer-  und  Handelspolitik.  Aber  in  einem  Lande  wie  Deutschland, ­
  dessen  industrielle  Entwicklung  viel  weniger  fortgeschritten  war,
als  die  Frankreichs  oder  Englands,  traten  diese  Probleme  in  ganz  anderer
Form  auf,  und  die  Notwendigkeit,  die  klassische  Theorie  für  die  Studenten
mit  der  Wirklichkeit  des  Wirtschaftslebens  in  Verbindung  zu  bringen,
erschien  hier  viel  dringlicher  als  irgendwo  anders.  Die  Neuerung  Roscher’s
hat  daher  mehr  einen  pädagogischen  als  wissenschaftlichen  Charakter.
Er  erneuert  eher  eine  akademische  Tradition,  als  daß  er  eine  neue  wissenschaftliche ­
  Strömung  schafft.
1848  stellte  ein  anderer  deutscher  Professor,  Bruno  Hildebrand,
ein  viel  ehrgeizigeres  Programm  auf.  In  seinem  Buche  „Die  Nationalökonomie ­
  der  Gegenwart  und  Zukunft“ 2 )  war  der  Gegensatz  zu
der  klassischen  Volkswirtschaft  viel  ausgeprägter  als  bei  Roscher.  Die
Geschichte  wurde  hier  nicht  nur  als  ein  Mittel  hingestellt,  die  bestehenden
Theorien  zu  beleben  und  zu  vervollkommnen,  sondern  als  ein  Mittel
vollständiger  Erneuerung  der  Wissenschaft.  Hildebrand  berief  sich
auf  die  Fortschritte,  die  die  historische  Methode  der  Sprachwissenschaft
gebracht  hatte.  Von  nun  an  sollte  die  Nationalökonomie  einzig  „ein p
Lehre  von-  den  ökonomischen  Entwicklungsgesetzen  der  Völker“  sein 3 )-Etwas
  später  ging  Hildebrand  in  der  programmatischen  Einführung ­
  der  neuen  im  Jahre  1863  von  ihm  gegründeten  Zeitschrift  „Jahrbücher ­
  für  Nationalökonomie  und  Statistik“  noch  viel  weiter.
Er  bestreitet  sogar  die  Existenz  der  wirtschaftlichen  Naturgesetze,  so
wie  die  Klassiker  sie  aufgefaßt  hatten  und  macht  Roscher  einen  Vorwurf ­
  daraus,  ihre  Existenz  zugegeben  zu  haben 4 ).  Bei  dieser  gewagten
J )  Schmoller,  op.  cit.  Über  dio  Kameralisten  siehe  die  Geschichte  der  Nationalökonomie ­
  von  Onoken,  Leipzig  1902,  S.  227ff.;  Menger  und  Schmoller  zählen  auch
Roscher  zu  der  historischen  Schule,  die  in  Göttingen  mit  Heeren,  Gervinus  usvim
  ersten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts  die  Politik  auf  die  allgemeine  Geschichte  z' 1
gründen  suchte.  Roscher  hatte  unter  ihrem  Einflüsse  Geschichte  studiert  und  sein
Versuch  gleicht  in  allen  Punkten  dem  ihren.  .
2 )  Die  Nationalökonomie  der  Gegenwart  und  Zukunft,  Frankfurt  a.  »  ■
1848,  Bd.  I.
3 )  In  der  Einleitung,  S.  V,  erklärt  er,  daß  der  Zweck  seines  Werkes  darin  b
stehe:  „auf  dem  Gebiete  der  Nationalökonomie  einer  gründlichen  historischen.Richtung
und  Methode  Bahn  zu  brechen  und  diese  Wissenschaft  zu  einer  Lehre  von  1
ökonomischen  Entwicklungsgesetzen  der  Völker  umzugestalten“.  .
4 )  Roscher  hatte  sogar  gesagt,  daß  sie  einen  mathematischen  Charakter  zeig  e
(bystern  d.  Volksw.  Bd.  I,  §  77.)  Dagegen  drückt  sich  Hildebrand  in  einer  char
            
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