Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

422

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Ökonomie  einfach  zu  der  Geschichte  der  wirtschaftlichen  Meinungen  in
den  verschiedenen  Epochen  in  Verbindung  mit  der  historischen  Gesamtentwicklung ­
  einer  Nation.
Sein  Buch  blieb  im  Übrigen  fast  unbemerkt.  Die  Historiker  übersahen ­
  es.  gerade  so  wie  die  Volkswirtschaftler.  Erst  später  als  die  „junge
historische  Schule“  sich  zu  ihrer  vollen  Bedeutung  entwickelt  hatte,
wandte  sich  die  Aufmerksamkeit  dem  alten  Werke  Knies’  zu,  von  dem
eine  zweite  Ausgabe  1883  erschien.  Knies  hat  sich  verschiedentlich
darüber  beklagt,  daß  Roscher  niemals  seine  Ideen  diskutieren  wollte.
Eigentlich  hätte  Knies,  nachdem  er  einen  so  gewaltigen  Anlauf
genommen  hatte,  um  die  Methode  einer  neuen  Ökonomie  zu  begründen,
es  seine  erste  Sorge  sein  lassen  müssen,  ihre  Ergiebigkeit  durch  Anwendung ­
  auf  die  Untersuchung  wirtschaftlicher  Tatsachen  darzutun.  Eigentümlicherweise ­
  hat  er  das  nicht  getan.  Seine  späteren  Arbeiten  über
das  Geld  und  den  Kredit,  die  ihm  eine  berechtigte  Berühmtheit  eingetragen
haben,  zeigen  keine  Spur  von  den  in  seinen  früheren  Schriften  bemerkbaren ­
  historisierenden  Sorgen.
So  hatten  also  die  drei  Gründer  der  Schule  die  klassische  Methode
wohl  kritisiert,  aber  sie  hatten  sich  nicht  über  den  Zweck  und  die  Natur
der  Wissenschaft  verständigen  können  und  überließen  es  Anderen,  ihre
Ideen  zur  Anwendung  zu  bringen.
Die  junge  historische  Schule,  die  sich  nach  1870  um  Schmoller
zusammenschloß,  unternahm  es,  diese  Anwendung  zu  versuchen.  Die
Schriftsteller  der  „jungen  historischen  Schule“  unterscheiden  sich  von
den  Schriftstellern,  über  die  wir  soeben  gesprochen  haben,  in  zwei  Haupt'
punkten:
1.  Sie  lassen  den  unglücklichen  Streit,  den  Hildebrand  und  Knies
über  die  wirtschaftlichen  Gesetze  begonnen  hatten,  völlig  beiseite.  Sie
hüten  sich,  natürliche  Gesetze  und  Regelmäßigkeiten  des  sozialen  Lebens
zu  leugnen,  deren  Untersuchung  gerade  den  Zweck  der  Wissenschaft
darstellt.  Sie  sind  im  Gegenteil  Deterministen.  „Wir  wissen  heute,“
sagt  Schmoller 1 ),  „daß  die  psychische  Kausalität  eine  andere  ist,  als
die  mechanische,  aber  wir  betrachten  sie  als  eine  gleich  notwendige- 1
Sie  bestreiten  nur,  daß  diese  Gesetze  durch  die  klassische  Methode  entdeckt ­
  werden  können.  In  dieser  Hinsicht  haben  sie  die  Kritiken  aller
ihrer  Vorgänger  wieder  aufgenommen,  —  Kritiken,  von  denen  wir  weiter
unten  sprechen  werden.
Was  die  „Entwicklungsgesetze“  anbelangt,  zu  denen  Hildebrand
die  wissenschaftlichen  Untersuchungen  führen  wollte,  so  betrachten
sie  sie  mit  großem  Skeptizismus.  Schmoller  sagt:  „Wir  sprechen,
während  wir  gestehen,  historische  Gesetze  nicht  zu  kennen,  von  wir  -
')  Schmoller,  Grundriß  der  allgemeinen  Volkswirtschaftslehre  (Le'P 211 '’
1908),  Bd.  I,  S.  107.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.