Kapitel I. Die historische Schule und. der Streit über die Methoden. 439
Städten und dem platten Land. Wir sehen, wie der Wohlstand der Staaten
wächst und verfällt, wie die Konkurrenz dem Einen heute ein Übergewicht
gibt, das sie ihm morgen wieder nimmt. In diesem Lande und in jener
Epoche haben gewisse handelspolitische Richtungen Erfolg, die im Gegenteil
an anderen Stellen oder in anderen Zeitläuften fehlschlagen. Wir
sehen, wie in jedem Lande und zu jedem Augenblick das wirtschaftliche
Leben sich durch andere Organe vollzieht, sich beständig verändert, sich
den wechselnden Bedingungen der Technik anpaßt, sich mit dem Fortschritt
der Wissenschaft umformt, mit neuen Sitten und Anschauungen
andere Formen zeigt.
Von all diesem sagt uns aber die mechanische Auffassung der Volkswirtschaft
kein Wort. Sie erklärt uns weder die wirtschaftlichen Unterschiede,
die eine Nation von der anderen trennen, noch die, die eine Epoche
von der anderen scheiden. Ihre Lohntheorie sagt uns nichts über die
verschiedenen Arbeiterkategorien, ihren relativen Wohlstand in den
aufeinander folgenden Perioden der Geschichte, oder über die rechtlichen
und politischen Verhältnisse, von denen dieser Wohlstand abhing. Ihre
Zinstheorie sagt uns nichts über die unzähligen Formen, die die Funktion
des Kredites in der Geschichte angenommen hat, über die Veränderungen,
die die Tauschmittel, das Metallgeld und das Papiergeld erlitten haben.
Ihre Theorie des Profits läßt die Umformungen der Unternehmungen,
ihre Konzentration oder Zersplitterung, ihren individuellen oder kollektiven
Charakter, ihre Sonderstellung im Handel, in der Industrie oder der
Landwirtschaft außer Acht; denn die klassischen Volkswirtschaftler haben
einfach die allgemeinen und beständigen Tatsachen gesucht, in denen
üh Rahmen der sozialen Einrichtungen ihrer Zeit die Tätigkeit des homo
°economicus zum Ausdruck kam.
Daher genügt die mechanische Erklärung des Wirtschaftslebens
nicht, um uns über seine Vielgestaltigkeit Rechenschaft zu geben. Sie
uns wohl gewisse sehr allgemeine Erscheinungen, aber sie ermöglicht
es uns nicht, ihre konkreten und besonderen Charakterzüge zu
verstehen.
Woher kommt nun dieser Mangel? Er beruht darauf, daß die mechanische
Auffassung die wirtschaftliche Tätigkeit des Menschen aus
dem wirklichen Milieu, in dem sie sich vollzieht, isoliert. Die Wirtschaft»
hchen Handlungen des Menschen stehen in enger Verbindung mit der
Gesamtheit der Bedingungen, unter denen er lebt. Ihr Charakter und
Ihre Wirkungen sind von Grund aus verschieden, je nach dem physischen,
sozialen, politischen und religiösen Milieu, in dem sie sich vollziehen.
Die geographische Lage eines Landes, seine natürlichen Hilfsquellen,
dle wissenschaftliche und künstlerische Kultur seiner Bewohner, ihr
^oralischer und intellektueller Charakter, ihr Regierungssystem bestimmen
die Natur der wirtschaftlichen Einrichtungen, die sie aufgerichtet haben,