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Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
großes historisches Ereignis, dessen Ursachen nicht noch beständig diskutiert
werden? Noch lange wird man über die wirklichen Ursachen
der Reformation oder der Revolution streiten, über die relative Bedeutung
der wirtschaftlichen, politischen oder moralischen Einflüsse, die diesen
großen Geschehnissen zugrunde lagen oder sie begleiteten, oder über
die Einflüsse, die auf die geschlossene Hauswirtschaft die Geldwirtschaft,
und auf diese wieder die Kreditwirtschaft folgen ließen. Damit die erzählende
Geschichte sich in erklärende Geschichte umwandeln könne,
muß sie vorher sehr verschiedene Gesetze durch eine Reihe von Sonderwissenschaften
als bewiesen annehmen können, deren Zusammentreffen
zu den konkreten Tatsachen der Wirklichkeit führte 1 ). Dann aber ist es
nicht mehr die Geschichte, sondern es sind diese Wissenschaften, die die
wirkliche Erklärung geliefert haben. Die Naturgeschichte hatte die Aufeinanderfolge
der tierischen Arten als eine Tatsache hingestellt und fand
die Erklärung dieser Aufeinanderfolge in der Erblichkeit und der Auswahl.
Liegt nun nicht gerade hierin der Grund, weshalb die Entwicklung
der Naturgeschichte so fruchtbar gewesen ist? Die Geschichte der menschlichen
Gesellschaften aber liefert uns keine Hypothese, die durch ihre
Einfachheit oder ihren erklärenden Wert mit der Evolutionslehre verglichen
werden könnte. Mit einem Wort, die Geschichte bedarf selbst
erst der Erklärung. Allein kann sie uns nicht das Verständnis der Wirklichkeit
vermitteln. Sie ersetzt nicht die Nationalökonomie * 2 ).
Die ersten Anhänger der historischen Schule haben dem geschichtlichen
Studium der Nationalökonomie eine noch bedeutendere Aufgabe
zugewiesen. Nach ihnen sollte sie nicht nur die Erklärung der Wirklich-!)
Zwar kann die Geschichte erklärend werden, aber in einem ganz besonderen
Sinne: nicht indem sie die allgemeinen Gesetze der Tatsachen entdeckt, sondern indem
sie nachweist, gerade welches besondere Zusammentreffen von Tatsachen (deren
allgemeine Gesetze als bekannt angenommen werden) irgendein bestimmtes, ebenfalls
besonderes Ereignis hervorgerufen hat. Die wirklichen Historiker wissen aber sehr
wohl, daß derartige Erklärungen stets einen äußerst subjektiven und persönlichen
Charakter tragen. Als neuzeitliche Untersuchung dieser Ideen durch einen Historiker
verweise ich auf die prächtige und tiefbegründete Einführung, die der Geschichtsforscher
E. Meyer der 2. Ausgabe seiner Geschichte des Alterjjjims vorausgeschickt hat.
(Berlin, 1907, vgl. auch Simiand, op. cit., S. 14, 16.)
2 ) Vgl. Marshall, Principles, B. I, Kap. VI, § 4 und besonders Karl Menger,
Untersuchungen usw., S. 14—17. „Wir gewinnen das historische Verständnis
einer Tatsache, indem wir seine individuelle Genese suchen, d. h. indem wir uns die
konkreten Umstände, innerhalb derer es mit seinem ihm eigentümlichen Charakterzügen,
inmitten derer es entstanden ist, mit ihren ihnen eigentümlichen Seiten vorstellen
... Wir gewinnen das theoretische Verständnis einer konkreten Tatsache . • •>
wenn wir es als einen Sonderfall von einer gewissen Regelmäßigkeit (Gesetz) der Aufeinanderfolge
oder Koexistenz der Tatsachen betrachten oder mit anderen Worten,
wir gelangen zum Verständnis des Daseinszweckes, dir Existenz und der Natur einer
Tatsache, indem wir lernen, in ihr im Wesentlichen den Beweis eines Tatsachengesetzes
zu sehen.“