Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  443

keit  gestatten,  sondern  auch  wirkliche  „Gesetze  der  wirtschaftlichen
Entwicklung“,  der  Völker  formulieren.  Dieser  Gedanke  —  den  durchaus
nicht  alle  Anhänger  der  historischen  Schule  teilen  —  wird  übrigens  auch
von  denen,  die  ihn  aufgestellt  haben,  nicht  in  gleicher  Weise  dargelegt.
Für  die  Einen,  zum  Beispiel  für  Knies,  besteht  ein  allgemeines  Entwicklungsgesetz ­
  der  Menschheit,  das  folglich  alle  Nationen  umfaßt.  Diese
Auffassung  berührt  sich  mit  der  Saint-Simon’s.  Für  Andere,  wie  zum  Beispiel ­
  für  Roscher,  bestehen  in  der  Geschichte  der  verschiedenen  Nationen
„Parallelismen“,  —  d.  h.  eine  gleiche  Aufeinanderfolge  der  wirtschaftlichen
Zustände  oder  Perioden.  Diese  Übereinstimmungen  würden  geschichtliche ­
  Gesetze  bedeuten.  Wenn  wir  sie  genau  in  den  vergangenen  Zivilisationen
  untersuchen,  so  werden  sie  es  uns  ermöglichen,  die  Zukunft  der''-gegenwärtigen
  Gesellschaften  vorauszusehen 1 )-Keiner
  dieser  beiden  Gesichtspunkte  erscheint  uns  ganz  richtig.
Auch  wenn  wir  annehmen,  daß  die  Menschheit  einem  allgemeinen  und
einzigen  Gesetz  der  Entwicklung  gehorcht,  fehlt  uns  doch  jedes  Mittel,
diese  Entwicklung  vorauszusehen,  denn  die  wissenschaftliche  Voraussage ­
  läßt  sich  nur  auf  Tatsachen,  die  sich  wiederholen,  anwenden.  Gegenüber ­
  einer  Tatsache,  deren  bezeichnendster  Zug  gerade  darin  liegt,  einzigartig ­
  zu  sein,  ist  sie  unmöglich.  Man  kann  sehr  wohl  versuchen,  die  Zukunft ­
  zu  erraten,  aber  erraten  ist  nicht  wissen:  und  Prophezeiungen  dieser
Art  sind  fast  stets  fehlgeschlagen 1  2 ).  —  Auch  die  historischen  Parallelitäten
beruhen  auf  keiner  festeren  Basis.  Eine  Nation  ist  nicht  mit  einem  lebenden
Organismus  vergleichbar,  der  notwendigerweise  durch  die  Jugend,  das

1 )  Dieser  Gedanke  wird  in  seinem  Grundriß  dargelegt,  aber  von  Knies  im  Namen
4er  Auffassung  einer  einheitlichen  Entwicklung  bekämpft  (op.  cit.  S.  42).
2 )  Über  diese  neue  Auffassung  sagt  ein  Philosoph,  Renouvier:  „Sobald  man  sieh
eine  andere  Frage,  als  die  schon  ziemlich  schwierige  über  das  Wo,  Wann  und  Wie,
dnd  in  bezug  auf  welche  Gegenstände  die  verschiedenen  Völker  im  Guten  und  Wa  ren
Fortschritte  oder  Rückschritte  gemacht  und  ihre  Erwerbungen  oder  Verluste  nacükorninenden
  Geschlechtern  übermittelt  haben,  vorlegt;  sobald  man  ein  wissenschatthches,
  d.  h.  fatalistisches  Gesetz  der  Geschichte  zu  kennen  glaubt  und  folglich  einen
^weck  der  menschlichen  Gesellschaften  (gewöhnlich  beginnen  diese  Art  Kenntnisse
®it  diesem  Zweck),  ist  man  in  der  Lage  eines  religiösen  Offenbarem,  der  sich  nicht
für  fähig  hält,  aus  sich  selbst  heraus  die  Wahrheit  und  die  Zukunft  zu  verkünden,  un
d er  seinen  Zuhörern  die  Notwendigkeit  darlegt,  in  der  sie  sich  befinden  er  selbst  und
das  zu  glauben  und  auszuführen,  was  auf  Grund  des  Vorhergehenden  unzweifelhaft ­
  sein  wird.  Die  philosophische  und  religiöse  Einbildung  sucht  in  der  äußeren
Beobachtung  die  Elemente  einer  Zuversicht,  die  sie  nicht  in  sich  selbst  hat,  für  sie
Wlrd  die  Geschichte  ein  Gott  der  Eingebung;  aber  die  Hlusion,  die  ihren  Gegenstand
Wechselt,  ändert  nicht  ihr  Wesen,  denn  der  neue  Gott  ist  nicht  objektiver,  als  es  in  den
Aigen  der  Ungläubigen  die  alten  Götter  waren,  und  er  inspiriert  nur  das  was  man
Slauben  möchte“.  Renouvier,  Introduction  ä  la  philosophie  analytique  de
*  histoire  2  Aus 0,  Bd  I  S  121  —Auch  die  Philosophie  Bergson  s  gelangt  dazu,
4ie  Möglichkeit  zu  bestreiten,  die  Zukunft  mit  Hilfe  der  Gegenwart  zu  erkennen.  Vgl.
lm  Bes.  sein  Werk:  L’Gvolution  crdatrice.
            
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