Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 445
Geschichte als Untersuchungsmittel in der sozialen Wissenschaft. Wie
er sagt, muß auch sie sich auf die „rationelle Analyse der Gesamtheit
der bis zu unseren Tagen erfolgten Entwicklung in den höchststehenden
Vertretern der Menschheit stützen,“ und als günstig für die Erneuerung
der Volkswirtschaft als Wissenschaft nimmt er an; „daß die Vorliebe
für historische Arbeiten in unserem Jahrhundert immer und überall
im Wachsen begriffen ist“ 1 ). — Schließlich ist er überzeugt, daß diese
Methode die rationelle Voraussicht gestatten wird, „ein Attribut,
das die Gesamtheit der verschiedenen Bedingungen zusammenfaßt, deren
Bestimmung es ist, den wirklichen Grundcharakter der positiven Politik
zu bezeichnen“ 2 ). .
In Summa ist das, was Comte gründen wollte, die „Soziologie“,
und von ihr ist die Nationalökonomie nur ein Teil. Auch die historische
Schule wollte mehr oder weniger, hauptsächlich mit Knies, eine sozio
logische Auffassung der Nationalökonomie durchsetzen. Davon rühren
gewisse Analogien her, über die Knies sich erst viel später Rechenschaft
gegeben hat, die aber die „junge historische Schule“ nicht verkannte,
Nur bestanden unter ihnen ganz wesentliche Unterschiede in den Ge
sichtspunkten, die eine Verschmelzung der beiden Richtungen nicht
gestatteten.
Zunächst hatte Comte „das tiefe Gefühl der unabänderlichen Ge
setze“ 3 ), das den 'Begründern der historischen Schule völlig abging.
Andererseits verstand er unter historischer Methode etwas ganz Ver
schiedenes von dem, was die Historiker damals und noch heute unter
diesen Worten verstehen.
Indem er einen Gedanken Saint-Simon’s anwendet, nennt Comte
»historische Methode“ die Aufstellung von ansteigenden und abfallen
den Reihen der wichtigsten Arten sozialer Tatsachen. Er zieht, wenn
*)mn so sagen darf, die Kurve jeder Einrichtung — und schließt aus ihrer
Richtung auf ihren wahrscheinlichen Fortschritt oder Verfall. Er definieit
dieses Verfahren selbst wie folgt: „Das Wesen dieser historischen Methode
^eigentlichen Sinne scheint mir in dem rationellen Gebrauch sozialer
Reihen zu bestehen, nämlich in aufeinander folgender Würdigung der
Verschiedenen Zustände des Menschengeschlechts, die, auf Grund der
Gesamtheit der historischen Tatsachen, das beständige Wachstum jeder
eliebigen physischen, intellektuellen, moralischen oder politischen An-
^ge, im Zusammenhang mit dem andauernden Sinken der gegenteiligen
Mage aufzeigen; hierauf muß sich dann die wissenschaftliche Voraussage
v ° n dem endgültigen Aufstieg der einen und dem definitiven Verfall der
^deren ergeben, vorausgesetzt, daß eine solche Schlußfolgerung in jeder
l ) A. Comte, ebenda, S. 168 und 207.
) A. Comte, ebenda, S. 227.
) A. Comte, ebenda, S. 139, 143, 147.