Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  447

das  eine  Erklärung  der  Gegenwart  gestatte,  und  hoffte,  auf  Grund  der
Geschichte  besondere  Gesetze  entdecken  zu  können,  die  sich  als  die  Entwicklungsgesetze ­
  der  Völker  ausweisen  würden.
Dagegen  hat  sie  mit  großer  Berechtigung  verlangt,  daß  neben  der
eigentlichen  wirtschaftlichen  Theorie  dem  Studium  der  Einrichtungen,
der  Statistik  und  der  Wirtschaftsgeschichte  ein  viel  größerer  Platz  eingeräumt ­
  werde.  Nicht  nur  bietet  die  Beschreibung  des  konkreten,  wirtschaftlichen ­
  Lebens  an  und  für  sich  ein  bedeutendes  Interesse,  sondern
sie  ist  die  grundlegende  Bedingung  aller  theoretischen  Spekulation.  Der
Theoretiker  kann  die  genaueste  Beobachtung  der  Tatsachen  nicht  entbehren. ­
  Ohne  sie  schweben  seine  Gebäude  in  der  Luft.  Die  abstraktesten
Volkswirtschaftler  haben  dies  ohne  weiteres  anerkannt.  Unter  anderen
schrieb  Jevons  schon  1879,  daß  nach  seiner  Ansicht,  „sich  auf  alle  Fälle
eine  Wissenschaft  der  Entwicklung  der  wirtschaftlichen  Formen  und
Beziehungen,  oder  eine  ökonomische  Soziologie  bilden  müsse“ 1 ).

In  dem  Augenblick,  in  dem  die  Wissenschaft  erschöpft  zu  Boden  zu
smken  schien,  lag  in  der  neuen  Auffassung  der  historischen  Schule,  bei
em  Fehlen  großer  synthetischer  Rekonstruktionen,  die  nur  den  größten
e nkern  Vorbehalten  sind,  ein  kostbares  Mittel,  sie  wieder  zu  beleben,
a nzuspornen  und  sie  von  Neuem  in  Berührung  mit  dem  ganzen  zeitgenössischen ­
  Leben  zu  bringen.
Dies  hat  die  historische  Schule  getan,  indem  sie  unsere  Kenntnis  der
tschaftlichen  Vergangenheit  völlig  erneuerte  und  mit  einer  oft  bewunderungswürdigen ­
  Genauigkeit  gewisse  höchst  interessante  und  verekelte ­
  Einrichtungen  der  Gegenwart  beschrieb 2 ),
fra  ' ir  ^atur  der  Sache  nach  kann  ein  derartiges  Werk  freilich  nur
J mentar isch  sein.  Die  historische  Schule  hat  bewunderungswürdiges
erial  zusammengetragen.  Sie  hat  leider  noch  nicht  das  harmonisch
zu  ^I^ougefügte  Gebäude  errichtet,  unter  dessen  Bild  wir  uns  —  vielleicht
den  nrec ^  ~~  die  Wissenschaft  der  Zukunft  vorzustellen  lieben.  Sie  hat
» e uen  Faden  der  Ariadne  noch  nicht  gefunden,  der  uns  gestatten
Uns  6 ’  ^ em  Labyrinth  der  Tatsachen  des  wirtschaftlichen  Lebens  sicher
r  ' ires  TVeges  zu  gehen.  Hierüber  darf  man  nicht  erstaunt  sein,  wenn
auso- an  ^ W(; d' R l  denkt,  die  wir  soeben  über  die  Fähigkeit  der  Geschichte
llI1( . b ?| ! .P roc ben  haben,  uns  diesen  Faden  in  die  Hand  zu  geben.  Anscheinend,
lerauf  muß  hingewiesen  werden,  wird  sie  selbst  sich  dessen  bewußt.
»Di  - LI5Y  schrieb  in  einem  vor  nicbt  langer  Zeit  erschienenen  Aufsatz:
’’  6  Kritiken  der  historischen  Schulen  haben  uns  bisher  noch  nicht  zur

gäbe  (187q ANI,EY  Jevons >  The  Theory  of  political  economy,  Vorrede  zur  2.  Aus-2\
  m  '*
h  besonders  das  von  Schmoller  geleitete  Jahrbuch  beschreibende
die  v ;^gen  über  den  zeitgenössischen  Mechanismus  des  Handels  und  der  Industrie,
Vor bddlich  sind.
            
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