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Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
Kapitalien wie durch ein natürliches Gefälle den ertragreichsten Anlagen
zufließen.
Aber schon nach Maltiius und Ricardo, nach den Theorien der
Bodenrente und der Bevölkerung, ist das Prinzip der natürlichen Identität
der Interessen stark erschüttert, obgleich diese beiden Schriftsteller noch
durchaus an der Freiheit festhalten.
Da greift Sismondi ein. Er beschreibt uns die Übel der Konkurrenz,
unter der mit Notwendigkeit die soziale Ungleichheit der Kontrahenten
den Schwächeren dem Willen des Stärkeren unterwirft, und sein ganzes
Buch ist eine einzige Widerlegung des Vorsehungsoptimismus Smith’s.
In Deutschland hatte der Volks Wirtschaftler Hermann, der die Aus
arbeitung der klassischen Theorien in glänzender Weise fortsetzte, nacb-
gewiesen, daß das persönliche Interesse oft entweder im Gegensatz zu dem
öffentlichen Interesse steht, oder zu schwach ist, es zu verwirklichen. Er
erklärte schon 1832, daß man die Behauptung der meisten Volkswirt
schaftler seit Adam Smith nicht unterschreiben könne, nach der die von
persönlichen Interessen getriebene Tätigkeit der Individuen für alle Not
wendigkeiten der Volkswirtschaft genüge 1 ), und daß man auch dem
Gemeinsinn einen Platz einräumen müsse.
Dann steht List auf, der seine ganze Beweisführung stützt auf den
Gegensatz zwischen den augenblicklichen Interessen, die die einzige Richt
schnur der Individuen sind, und den beständigen und dauernden Interessen
der Nation, die nur von einer Regierung vertreten werden können.
Einige Jahre später diskutiert Stuart Mill nicht einmal mehr in
dem berühmten fünften Buch seiner Prinzipien der Volkswirtschaft
die These der natürlichen Übereinstimmung der Interessen, so wenig
haltbar erschien sie ihm. Um im Prinzip die Einmischung der Regierung
auszuschalten, läßt er nur ein einziges wirtschaftliches Argument gelten:
die Überlegenheit, die den Individuen der Beweggrund des persönlichen
Interesses gibt. Er beeilt sich aber nachzuweisen, wie vielen Beschrän
kungen dieses Prinzip unterliegt: natürliche Unfähigkeit der Kinder und
der Schwachsinnigen, die Unkenntnis seiner wirklichen Interessen auf
seiten des Verbrauchers, die häufige Unmöglichkeit, auch für die, die sie
kennen, dieses Interesse ohne die Hilfe der Gesellschaft zu verwirklichen
(z. B. in der Frage der Dauer der Arbeitszeit für die Arbeiter). Mill weist
auch darauf hin, wie oft in unserer modernen industriellen Organisation
dieser Beweggrund nicht vorhanden ist: in Aktiengesellschaften, in denen
die Aktionäre nicht ohne das Zwischenglied eines bezahlten Vertreters
auskommen können, oder in Wohltätigkeitsanstalten, in denen nur das
Interesse Anderer in Betracht kommt. Weiterhin kann sich auch das
Privatinteresse sehr oft in Widerspruch mit dem allgemeinen Interesse
l ) Hermann, Staafcswissenschaftliche Untersuchungen, 1. Ausgabe,
S. 12—18.