Kapitel II. Der Staatssozialismus.
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liches Prinzip zu sein. Cournot nennt sie „ein Erbwort praktischer
Weisheit“ 1 ). Stuart Mill verteidigt sie hauptsächlich aus politischen
Gründen, als das beste Mittel, bei den Bürgern die Eigenschaften der
Initiative und der Verantwortlichkeit zu entwickeln. — Für Alle ist der
Staat durchaus nicht ein Notbehelf oder ein notwendiges Übel, sondern
er hat, wie jedes Individuum eine berechtigte Einflußsphäre, und die
Schwierigkeit liegt nur darin, sie genau zu umschreiben 2 ). Dieser Aufgabe
unterzog sich schon Walras mit bemerkenswertem Erfolg in seinen Vor
trägen über die Theorie der Gesellschaft, die er von 1867—1868 in Paris
hielt 3 ).
Der Fortschritt der Gedankenarbeit hat daher, seit Adam Smith,
bei den besten Schriftstellern schon die Meinungen bezüglich der wirt
schaftlichen Bolle des Staates einschneidend verändert. Zwar hat ihr
Einfluß die Mehrzahl der Schriftsteller nicht sofort völlig erfaßt. Die
meisten bleiben, auch in dem zweiten Drittel des Jahrhunderts, den Ideen
des optimistischen Individualismus noch treu. Als aber der Staatssozialis
mus sich gegen den letzteren erhob, brauchte er nur, um sich ein wissen
schaftliches Arsenal zu beschaffen, die Ergebnisse je&er Studien sich an
zueignen. Dies hat er auch nicht unterlassen, und deshalb können, aus
verschiedenen Gründen, die soeben besprochenen Schriftsteller, wenn nicht
als seine Vorläufer, so doch als seine unfreiwilligen Helfer gelten.
§2. Die sozialistischen Ursprünge des Staatssozialismus.
Rodbertus und Lassalle.
Der Staatssozialismus ist nicht nur eine wirtschaftliche Lehre. Er
besitzt eine soziale und moralische Grundlage. Er stützt sich auf ein ge
wisses Gerechtigkeitsideal und auf eine selbständige Auffassung der Ge
sellschaft und des Staates. Dieses Ideal und diese Auffassung kommen
ihm nicht von den Ökonomisten, sondern von den Sozialisten — und
hauptsächlich von zwei unter ihnen, Rodbertus und Lassalle, die ver
sucht haben, eine Art Kompromiß zwischen der bestehenden Gesellschafts
ordnung und der zukünftigen Gesellschaft zu finden, indem sie die Macht
des modernen Staates als Hebel benutzten.
Die Idee eines derartigen Kompromisses war nicht neu. Im Laufe
x ) Ebenda, S. 444, 462, 621. , , , ,, .
2 ) Stuart Mill, hat es versucht aber in einer Formel, die nicht sehr klar ist:
,„Die Individualität“’ sagt er, „soll den Teil des Lebens regieren, der besonders das
Individuum interessiert, und die Gesellschaft jenen anderen Teil, der die Gesellschaft
besonders interessiert.“ Essay on liberty, Kap. IV; Franz. Übers. S. 136.
_ 3 ) In seinen Ütudes d’dconomie sociale (1896) wieder abgedruckt. Siehe
die kurze Zusammenfassung, die wir weiter unten im Kapitel über die Rente geben.