Kapitel II. Der Staatssozialismns.
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Simonisten dem letzten Viertel des Jahrhunderts überliefert worden.
Seine grundlegenden Auffassungen, die er aus französischen Quellen ge
schöpft hat 1 ), haben sich um 1837 gebildet, als er seine Forderungen
der arbeitenden Klassen, die die Augsburger Allgemeine Zei
tung sich aufzunehmen weigerte, verfaßte. Sein erstes Werk erschien
1842 2 ), und seine drei ersten Sozialen Briefe 3 ) von 1850 bis 1851.
Sie blieben aber damals ziemlich unbemerkt, und erst später, als Lassalle
ihn in seinen Reden von 1862 als den größten deutschen Nationalöko
nomen anführte, als konservative Schriftsteller, wie Rudolf Meyer und
Adolf Wagner ihm nach 1870 einen neuen Ruf verschafften, erwecken
seine Bücher die verdiente Aufmerksamkeit. Sie haben in Deutschland
einen großen Einfluß auf die Nationalökonomen des letzten Drittels des
Jahrhunderts ausgeübt. Seine Ideen sind die des französischen Sozialismus
in seinen Anfängen, als er noch rein intellektuell war und noch nicht das
Mißtrauen hervorrief, das die sozialen Kämpfe der Juli-Monarchie später
>) Der französische Ursprung der Ideen Rodbertus’ wird nicht mehr bestritten,
seitdem A. Menger in seinem Buch: Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag
(1. Ausg. 1886) dies besonders hervorgehoben hat. Nur gibt ihm Menger als geistige
Väter Proudhon und die Saint-Simonisten. Mit Bezug auf die letzteren werden wir
im Text die wichtigsten Anleihen, die Rodbertus bei ihnen gemacht hat, erwähnen.
Wir glauben aber, daß an Stelle Proudhon’s Sismondi zu setzen ist. Die einzige auf
Proudhon zurückzuführende Idee, die man bei Rodbertus findet, ist die Idee, den
Wert „zu bilden“ (constituer). Diese Idee ist aber nicht entlehnt. Rodbertus er
wähnt dies selbst in seinem zweiten sozialen Briefe (Schriften, Bd. II, S. 46, Anm.).
Er behauptet, daß sie zuerst von ihm formuliert sei, sagt aber nicht wo. Er muß aber
a uf eine Stelle in den Forderungen anspielen, wo dieser Gedanke sehr klar ausgedrückt
* s t. Indem er von der Arbeitswerttheorie spricht, wie sie Ricardo ausgearbeitet hatte,
schreibt er: „Nur darin irrt sie, daß sie das, was erst in der Idee gilt, wonach die Wirk
lichkeit einstweilen nur gravitiert, was erst die Zukunft festzuhalten hat, als in der
Gegenwart, bestehend ansieht“ (Schriften, Bd. III, S. 120). Dies drückt klar aus, daß
uie Bildung des Wertes die Aufgabe der Zukunft ist. Die Forderungen nun, die schon
alle entscheidenden Gedanken Rodbertus’ enthalten, stammen aus dem Jahre 1867,
sind also um 9 Jahre älter als die Contradictions economiques von Proudhon,
die im Jahre 1846 erschienen, und in denen der Gedanke der Wertbildung von ihm zum
ersten Male auf gestellt wurde. ... ...
a ) Zur Erkenntnis unserer staatswissenschaftlichen Zustande (Neu-
Brandenburg, 1842). Das Werk sollte drei Hefte umfassen, von denen nur das erste
erschienen ist. Bisher ist kein Neudruck herausgegeben worden.
, 8 ) Die drei ersten „sozialen Briefe“ wurden ebenso wie die „Forderungen
arbeitenden Klassen“ in den Schriften von Dr. Karl Rodbertus-Jagetzow
(Berlin 1899, 3. Bde.) neu herausgegeben. Wir zitieren nach dieser Ausgabe. Der vierte
soziale Brief, der den Titel „das Kapital“ trägt, wurde 1852 abgefaßt, erschien aber
er st nach dem Tode Rodbertus’. Er bildet den ersten Band der Schriften. Die ver
gelten Aufsätze Rodbertus’ sind in zwei Sammlungen erschienen Die eine von
**• Meyer unter dem Titel: Briefe und Sozialpolitische Aufsatze von Dr.
B°dbertus-Jagetzow Berlin 1882; die andere von Moritz Wirth unter dem Titel
Kleine Schriften 'Berlin 1890. Eine vollständige Bibliographie der Werke Rod-
Be *tus’ findet sich in Andler, Le Socialisme d-’ßtat en Allemagne, Paris 1897.