Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

459

auch  „sozial  und  konservativ“ 1 ).  Zur  gleichen  Zeit  hat  er  aber  auch  kein
Bedenken  zu  schreiben:  „Soweit  der  Kern  der  Sozialdemokratie  ein  rein
wirtschaftlicher  ist,  gehöre  ich  ihr  mit  ganzer  Seele  an 2 ).“
Wenn  er  auch  imstande  war,  die  monarchische  Politik  mit  dem  sozialistischen ­
  Programm  zu  vereinigen,  so  weigerte  er  sich  doch,  soweit  die
wirtschaftliche  Lehre  in  Betracht  kommt,  irgendein  Kompromiß  einzugehen. ­
  Dazu  war  er  doch  zu  scharfsinnig.  Der  gleichen  Ursache  liegt  auch
seine  Feindschaft  gegen  die  Kathedersozialisten  zugrunde.  Er  ist  der  erste,
anzuerkennen,  daß  in  der  Praxis  der  Sozialismus  sich  heute  mit  Übergangsmitteln ­
  begnügen  muß,  aber  er  gibt  niemals  zu,  daß  der  Kompromiß
zum  Schluß  selbst  Doktrin  werde.  Er  nennt  die  Kathedersozialisten
„Zuckerwassersozialisten“ 3 ).  Er  lehnt  es  ab,  an  dem  Kongreß  von  Eisenach
1872  teilzunehmen,  den  er  „den  Eisenacher  Sumpf“  und  „äußerst  komisch“
nennt.  Die  Arbeitergesetzgebung  nennt  er  „human-soziale  Kapriolen“ 4 ).
Wenn  er  sein  Programm  in  einigen  tönenden  Formeln  zusammenfaßt,  wie:
„Staat  gegen  Staatslosigkeit“ 5 )  muß  man  sich  daher  hüten,  hierin  auch
nur  eine  entfernte  Zustimmung  zu  den  nach  seiner  Ansicht  viel  zu  verschwommenen ­
  Doktrinen  des  Staatssozialismus  zu  sehen 6 ).  Trotzdem
war  er,  gegen  seinen  Willen,  einer  seiner  einflußreichsten  Vorläufer.  Und
hierin  liegt  gerade  das  Besondere  seiner  Rolle.
Die  ganze  Theorie  Rodbertus’  beruht  auf  der  Idee,  daß  die  Gesellschaft ­
  ein  durch  die  Arbeitsteilung  geschaffener  Organismus  ist.  Diese
große  Tatsache,  deren  Tragweite  nach  seiner  Ansicht  Adam  Smith  kaum
e ist  in  ihren  Umrissen  gesehen  hat,  ist  es,  die  alle  Menschen  in  einer  natur-Qotwendigen
  Solidarität  verbindet,  sie  aus  der  Vereinzelung  heraushebt
u ad  sie  aus  einer  bunt  zusammen  gewürfelten  Menge  zu  einer  wirklichen
Gemeinschaft  umbildet,  —  einer  Gemeinschaft,  deren  Ausdehnung  nicht
durch  nationale  Grenzen  beschränkt  wird,  sondern  keine  anderen  Grenzen
Ze igt,  als  die  Arbeitsteilung  selbst,  die  ihrerseits  darauf  hinstrebt,  die
ganze  Welt  zu  umfassen 7 )!  Mit  dem  Tage,  an  dem  jedes  Individuum  auf
b  Brief  an  R.  Meyer,  vom  12.  März  1872.  —  Vgl.  auch  die  Briefe  vom  23.  Januar
u nd  3.  Februar  1871.
b  Brief  an  denselben  vom  30.  Nov.  1871,  Brief  Nr.  61,  S.  141.  1874  denkt  er
«an,  sich  als  sozialistischen  Reichstagskandidaten  aufstellen  zu  lassen.  „Aber  ,
schreibt  er,  ,,erst  muß  der  Staat  im  Militäretat  und  in  dem  Kirchengesetz  stärkei
werden“  (an  denselben,  vom  14.  Januar  1874,  Brief  Nr.  140,  S.  352).
3 )  Brief  an  dens.  v.  17.  Okt.  1872.
b  Brief  an  dens.  v.  6.  Januar  1873,  Brief  Nr.  117,  S.  290.  .
*)  Brief  an  dens.  v.  10.  März  1872,  und  Physiokratie  und  Anthropokratie,
m  de n  Briefen  und  Sozialpolitischen  Aufsätzen,  S.  621  und  522.
6 )  In  einem  Briefe  v.  26.  August  1872,  weist  er  energisch  den  Namen  „Katheder-Sozialist“
  zurück.  In  dem:  „Emanzipationskampf  des  vierten  Standes“
Berlin  1874,  S.  60—63  zitiert"  Rudolf  Meyer  ausführlich  eine  nachdrückliche  Kritik
Kathedersozialismus,  die  in  einem  Privatbrief  Rodbertus  enthalten  ist.
7 )  „Die  Teilung  der  Arbeit  sollte  gerade  Gemeinschaft  der  Arbeit  heißen  .  .
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.