Kapitel II. Der Staatssozialismus.
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1. Zunächst kann man in der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung
nicht genau von einer Anpassung der Produktion an die sozialen Be
dürfnisse sprechen, sondern nur an die wirksame Nachfrage, näm
lich an die Nachfrage, die sich in einem Geldangebot ausdrückt. Diese
Tatsache, auf die übrigens Adam Smith schon hingewiesen hatte, und auf
die Sismondi besonderen Nachdruck legte, führt, so sagt uns Rodbertus,
zu einer schwerwiegenden Folgeerscheinung: es werden nämlich nur die
Bedürfnisse derjenigen, die schon etwas besitzen, befriedigt 1 ). Derjenige,
der nichts Anderes auf dem Markte anzubieten hat, als seine Arbeit, erhält,
wenn sich herausstellt, daß nach dieser Arbeit keine Nachfrage besteht,
überhaupt keinen Teil des sozialen Erzeugnisses. Umgekehrt bestimmt
derjenige, der ein Einkommen besitzt, auch wenn er es gar keiner persön
lichen Arbeit verdankt, durch diese wirksame Nachfrage die Produktion
der Gegenstände, die er wünscht. So sieht man oft, daß die notwendigsten
Bedürfnisse der Einen nicht befriedigt werden, während zur gleichen Zeit
Andere in allen Annehmlichkeiten des Luxus schwelgen.
Nichts ist wahrer. Rodbertus hat tausendfach recht, auf das Grund-
übel eines Systems hinzuweisen, das logisch die Arbeitslosigkeit, diese
moderne Form der Hungersnot, als eine einfache, vorübergehende Über
produktion von Waren ansieht, und bisher nur dazu gelangt ist, das Prinzip
der durch die wirksame Nachfrage beschränkten Produktion durch private
°der öffentliche Wohltätigkeit zu mildern. Betrachten wir nun das Heil
mittel, das er vorschlägt. Ihm zufolge müßte die Gesellschaft an Stelle
der Produktion für die Nachfrage ständig und gänzlich die Produktion
Bir das „soziale Bedürfnis“ setzen. Hierfür würde es genügen, sich im
v °raus zu vergewissern, welche Zeit ein jeder fähig ist, produktiver Arbeit
zu widmen 2 ). Gleichzeitig würde man einen Überblick haben über die
Gegenstände, die erzeugt werden müssen, und in welchen Mengen sie be
nötigt werden. Denn, so sagt Rodbertus: „die Bedürfnisse bilden im
Allgemeinen bei jedermann .. . eine gleiche Reihenfolge, und es ist auch
‘üs bekannt vorauszusetzen, welche und wie viele Befriedigungsmittel nir
nie einzelnen Bedürfnisse erforderlich sind“ 3 ). Da man so die Arbeitszeit
nennt, über die die Gesellschaft verfügen kann, und da auf der anderen
^eite die Reihe der sozialen Bedürfnisse gegeben ist, würde das Problem,
niese Zeit zwischen den verschiedenen Produktionen zu verteilen, keine
chwierigkeit mehr bieten.
, ') „Zuvörderst wird in diesem Zustande überhaupt nicht für die Bedürfnisse
“ er Arbeit, sondern für die Bedürfnisse des Besitzes produziert^ (Kapital,
• 193). Vgl. auch Kapital, S. 52ff.
. , ä ) „Wenn nur die Zeitarbeit bekannt ist, die jeder, der sich mit produktiver
?. rbei t beschäftigt, zu leisten übernimmt, so läßt sich auch erkennen, wieweit die
^'ttel in der Deckung der Bedürfnisreihe eines jeden reichen“ (Kapital, S. 125).
*) Ebenda, S. 125. *