Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

461

1.  Zunächst  kann  man  in  der  gegenwärtigen  Gesellschaftsordnung
nicht  genau  von  einer  Anpassung  der  Produktion  an  die  sozialen  Bedürfnisse ­
  sprechen,  sondern  nur  an  die  wirksame  Nachfrage,  nämlich ­
  an  die  Nachfrage,  die  sich  in  einem  Geldangebot  ausdrückt.  Diese
Tatsache,  auf  die  übrigens  Adam  Smith  schon  hingewiesen  hatte,  und  auf
die  Sismondi  besonderen  Nachdruck  legte,  führt,  so  sagt  uns  Rodbertus,
zu  einer  schwerwiegenden  Folgeerscheinung:  es  werden  nämlich  nur  die
Bedürfnisse  derjenigen,  die  schon  etwas  besitzen,  befriedigt 1 ).  Derjenige,
der  nichts  Anderes  auf  dem  Markte  anzubieten  hat,  als  seine  Arbeit,  erhält,
wenn  sich  herausstellt,  daß  nach  dieser  Arbeit  keine  Nachfrage  besteht,
überhaupt  keinen  Teil  des  sozialen  Erzeugnisses.  Umgekehrt  bestimmt
derjenige,  der  ein  Einkommen  besitzt,  auch  wenn  er  es  gar  keiner  persönlichen ­
  Arbeit  verdankt,  durch  diese  wirksame  Nachfrage  die  Produktion
der  Gegenstände,  die  er  wünscht.  So  sieht  man  oft,  daß  die  notwendigsten
Bedürfnisse  der  Einen  nicht  befriedigt  werden,  während  zur  gleichen  Zeit
Andere  in  allen  Annehmlichkeiten  des  Luxus  schwelgen.
Nichts  ist  wahrer.  Rodbertus  hat  tausendfach  recht,  auf  das  Grundübel
  eines  Systems  hinzuweisen,  das  logisch  die  Arbeitslosigkeit,  diese
moderne  Form  der  Hungersnot,  als  eine  einfache,  vorübergehende  Überproduktion ­
  von  Waren  ansieht,  und  bisher  nur  dazu  gelangt  ist,  das  Prinzip
der  durch  die  wirksame  Nachfrage  beschränkten  Produktion  durch  private
°der  öffentliche  Wohltätigkeit  zu  mildern.  Betrachten  wir  nun  das  Heilmittel, ­
  das  er  vorschlägt.  Ihm  zufolge  müßte  die  Gesellschaft  an  Stelle
der  Produktion  für  die  Nachfrage  ständig  und  gänzlich  die  Produktion
Bir  das  „soziale  Bedürfnis“  setzen.  Hierfür  würde  es  genügen,  sich  im
v °raus  zu  vergewissern,  welche  Zeit  ein  jeder  fähig  ist,  produktiver  Arbeit
zu  widmen 2 ).  Gleichzeitig  würde  man  einen  Überblick  haben  über  die
Gegenstände,  die  erzeugt  werden  müssen,  und  in  welchen  Mengen  sie  benötigt ­
  werden.  Denn,  so  sagt  Rodbertus:  „die  Bedürfnisse  bilden  im
Allgemeinen  bei  jedermann  ..  .  eine  gleiche  Reihenfolge,  und  es  ist  auch
‘üs  bekannt  vorauszusetzen,  welche  und  wie  viele  Befriedigungsmittel  nir
nie  einzelnen  Bedürfnisse  erforderlich  sind“ 3 ).  Da  man  so  die  Arbeitszeit
nennt,  über  die  die  Gesellschaft  verfügen  kann,  und  da  auf  der  anderen
^eite  die  Reihe  der  sozialen  Bedürfnisse  gegeben  ist,  würde  das  Problem,
niese  Zeit  zwischen  den  verschiedenen  Produktionen  zu  verteilen,  keine
chwierigkeit  mehr  bieten.
,  ')  „Zuvörderst  wird  in  diesem  Zustande  überhaupt  nicht  für  die  Bedürfnisse
“ er  Arbeit,  sondern  für  die  Bedürfnisse  des  Besitzes  produziert^  (Kapital,
•  193).  Vgl.  auch  Kapital,  S.  52ff.
.  ,  ä )  „Wenn  nur  die  Zeitarbeit  bekannt  ist,  die  jeder,  der  sich  mit  produktiver
?. rbei t  beschäftigt,  zu  leisten  übernimmt,  so  läßt  sich  auch  erkennen,  wieweit  die
^'ttel  in  der  Deckung  der  Bedürfnisreihe  eines  jeden  reichen“  (Kapital,  S.  125).
*)  Ebenda,  S.  125.  *
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.