Kapitel II. Der Staatssozialismus.
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wartet der Boden unter den Füßen schwände“^. 1 ) Diese Theorie über die
Krisen, die fast genau mit der Sismondi’s übereinstimmt 2 ) — und die
eher die chronischen Depressionen als die eigentlichen Krisen erklärt, —
hat ebensoviel oder ebensowenig Wert, wie die Theorie der proportionalen
Verteilung der Produkte unter die sozialen Klassen.
Diese Theorie nun, der Rodbertus eine so außerordentliche Bedeu
tung beilegte, die er schon 1837 in seinen Forderungen der arbeiten
den Klassen aufgestellt hatte und hauptsächlich in seinen Sozialen
Briefen entwickelte (in denen er ausdrücklich sagt, daß sie der Grundstein
seines Systems ist, zu dem alle anderen in Wirklichkeit nur Vorarbeiten
sind), diese Theorie, für die er sein ganzes Leben hindurch hoffte, die
statistische Bestätigung zu finden, ist weit davon entfernt, die Tragweite
zu haben, die er ihr zuschrieb.
Zunächst ist das Argument, auf das er sich stützt — das eherne Lohn
gesetz — heute nicht nur von den bürgerlichen Volkswirtschaftlern, son
dern sogar von den Sozialisten selbst aufgegeben worden. Aber sogar,
wenn das eherne Lohngesetz wahr wäre, würde die Beweisführung Rod-
eertus’ noch nicht schlüssig sein, denn der Anteil der Arbeiter an dem
Totalprodukt hängt nicht von nur einem, sondern von zwei Faktoren ab:
der Höhe des Lohnes und der Zahl der Arbeiter. Rodbertus begeht
einen Fehler, der dem Bastiat’s ähnlich ist, als er den Anteil des Kapitals
arn Totalprodukt mit Hilfe eines einzigen Faktors bestimmen wollte, der
Höhe des Zinsfußes, während dieser Anteil gleichzeitig von der Höhe des
Zinsfußes und der Menge der vorhandenen Kapitalien abhängt.
Alles, was man zugeben kann, ist, daß, wenn die Argumente, mit
denen Rodbertus seine Theorie verteidigt, auch nicht mehr wert sind als
die Bastiat’s, so doch seine Theorie an und für sich mit den von der Sta
tistik dargebotenen Tatsachen mehr übereinzustimmen scheint, — denn
einzig und allein die Statistik, und nicht irgendwelche Beweisführung
a priori kann diese Frage lösen. Die Tatsachen scheinen es wahrscheinlich
Zu machen, daß in gewissen Ländern der proportionale Anteil der Arbeit
am Produkt seit dem Beginn des Jahrhunderts eher geringer geworden ist.
. Hur ergibt sich hieraus keineswegs, daß die Lage der Arbeiter sich
mcht verbessert habe; denn diese Verminderung des Arbeitsanteils im All -
bßmeinen hat nicht die Erhöhung des individuellen Lohnes verhindert.
H'les, was man daraus schließen kann, ist, daß die Einkommen aus Arbeit
Kapital, S. 54.
iik ^ ^ an w *rd sich von der fast vollständigen Übereinstimmung der beiden Theorien
^erzeugen, wenn man sich die Mühe nehmen will, die Stelle des Aufsatzes: „Balance
T es consommations avec les productions“ von Sismondi, als Anhang zu den
^.°uveaux Principes, Bd II, S. 430 veröffentlicht, nachzulesen. Rodbertus weist
^! e Sismondi, darauf hin, daß sich auf die Dauer das Gleichgewicht wieder hersteilen
Jh 7 aber (wie Sismondi) stellt er fest, daß die Krise eintreten wird, bevor dies ge-
“ e hen sein kann (Kapital, S. 206, Anm.). Vgl. oben S. 207.