Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

nicht  ebenso  schnell  gewachsen  sind,  wie  die  aus  dem  Kapital 1 );  das
hat  aber  die  Arbeiter  nicht  gehindert,  am  Fortschritt  teilzunehmen.
Was  sind  nun  die  praktischen  Schlußfolgerungen,  die  Rodbertus
aus  seiner  Theorie  zieht?  Logisch  würde  folgen,  wie  man  auf  den  ersten
Blick  sieht:  die  Abschaffung  des  Privateigentums  und  der  individuellen
Produktion.  Sobald  die  Gemeinschaft  alleinige  Eigentümerin  der  Produktionsmittel ­
  geworden  ist,  verschwindet  das  Einkommen  ohne  Arbeit;
jeder  ist  gezwungen,  zur  Produktion  beizutragen,  und  jeder  nimmt  am
Verbrauch  im  Verhältnis  zu  seiner  Arbeit  teil;  die  Dauer  der  Arbeit  und
ihre  Intensität  bestimmen  den  Wert  der  Gegenstände,  und  da  die  Anpassung ­
  des  Angebotes  an  das  soziale  Bedürfnis  (weiter  oben  haben  wir
das  „wie“  gesehen)  beständig  gesichert  sein  würde,  so  bleibt  dieser  Maßstab ­
  beständig  genau  und  richtig,  und  die  Gerechtigkeit  in  der  Verteilung
ist  verwirklicht.
Vor  dieser  Lösung  schrickt  Rodbertüs  aber  zurück,  und  so  verwandelt ­
  sich  unser  Sozialist  in  einen  einfachen  Staatssozialisten.  Das,
was  ihn  erschreckt,  ist  nicht  die  ungeheuerliche  Tyrannei  eines  solchen
Systems,  in  dem  die  Produktion  und  sogar  der  Verbrauch  den  Verordnungen ­
  der  Behörde  unterworfen  sein  würde:  „Personen  und  Wille  sind
so  frei,  wie  sie  überhaupt  nur  in  der  Gesellschaft  sein  können“,  sagt  er
an  einer  Stelle 2 ),  und  „Gesellschaft“  bedeutet  für  ihn  notwendigerweise
Zwang.  Seine  Befürchtungen  liegen  wo  anders.  Zunächst  in  seinem  Abscheu ­
  vor  jeder  revolutionären  Umwälzung.  Und  dann  erschreckt  ihn  die
mangelhafte  Erziehung  der  Massen:  sie  würden  heute  noch  nicht  die  Notwendigkeit ­
  verstehen,  einen  gewissen  Teil  ihres  Einkommens  zu  opfern,
um  einigen  Menschen  zu  gestatten,  in  Frieden  die  Künste  und  die  Wissen-!)
  Wir  haben  oben  gesehen  (S.  371,  Anm.  2  und  372,  Anm.  1),  daß  dies  der  Schluß
ist,  zu  demConsoN  (Cours.Bd.III,  S.366)  kommt.  Ebenso  ist  es  das  Ergebnis  der  Untersuchungen ­
  Chatelain’s  über  den  Census  der  Vereinigten  Staaten.  Nach  ihm  (Questions
  pratiques  de  lögislation  ouvriöre,  Juni-Juli  1908)  ist  in  der  amerikanischen ­
  Metallurgie  von  1890  bis  1905  der  Anteil  des  Arbeiters  am  Gesamtprodukt
von  71  Hundertstel  auf  68  Hundertstel  gefallen,  während  der  des  Kapitals  von  28  Hundertstel ­
  auf  32  Hundertstel  gestiegen  ist.  Trotzdem  ist  der  jährliche  Lohn  des  Arbeiters
von  551  auf  626  Dollar  gestiegen,  und  der  Profitsatz  ist  von  9%  auf  8%  gefallen.
Wir  wollen  noch  hinzufügen,  daß  trotz  dieser  Verminderung  des  Anteils  der  Arbeit
man  hieraus  nichts  hinsichtlich  der  Erhöhung,  oder  Verringerung  des  Einkommens
der  Arbeiterklasse  im  Allgemeinen  schließen  kann.  Ein  Teil  der  Arbeiter  besitz*
ein  kleines  Kapital.  Zwar  ist  es  heute  noch  äußerst  klein,  doch  nichts  steht  dem  Glauben
entgegen,  daß  es  in  Zukunft  größer  werden  wird.
Man  sieht,  wie  kompliziert  diese  Frage  ist,  und  welche  Genauigkeit  sie  erforder  •
Man  muß  in  ihr  wenigstens  drei  Begriffe  unterscheiden:  den  des  individuelle
Lohnes,  den  des  Anteils  der  Arbeit  am  Produkt,  und  den  des  Einkommens
der  Arbeiterklasse.  Vgl.  über  diese  Frage  die  Ideen  Edwin  Cannan’s  im  Quarter  y
Journal  of  Economics,  1905,  und  was  er  darüber  in  seinem  Buch  Productio
and  Distribution,  1776—1848,  sagt.
2 )  Kapital,  S.  212.
            
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