Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Es  ist  unnötig  (ohne  von  den  praktischen  Schwierigkeiten  zu  sprechen),
hier  auf  die  wirtschaftlichen  Unmöglichkeiten  dieses  Vorschlages  einzugehen. ­
  Wenn  wir  ihn  erwähnt  haben,  so  beruht  dies  auf  zwei  Gründen.
Zunächst  um  die  Mühe  darzulegen,  die  Rodbertüs  sich  gemacht  hat,
um  ein  „Kompromiß“,  wie  er  sagt,  zwischen  der  bestehenden  Gesellschaft
und  der  kollektivistischen  Gesellschaft  der  Zukunft  zu  finden.  Während
Marx  anscheinend  gleichgültig  der  wachsenden  Proletarisierung  der  Arbeiter ­
  zusieht,  die  er  als  Vorstufe  zu  ihrer  endgültigen  Erlösung  betrachtet,
will  Rodbertüs  so  schnell  wie  möglich  den  drückendsten  Übelständen
Abhilfe  schaffen  und  schon  jetzt  die  Lage  der  Arbeiter  verbessern 1 ).  Aber
dieser  Plan  zeigt  vor  Allem  das  außerordentliche  Vertrauen,  das  Rodbertus
  in  die  Allmacht  des  Staates  hat,  in  die  Macht  der  Regierungen,
diejenigen  menschlichen  Handlungen  ihrem  Willen  zu  unterwerfen,  deren
Unabhängigkeit  der  Mensch  bisher  am  eifersüchtigsten  gewahrt  hat,  und
gleichzeitig  seine  völlige  Gleichgültigkeit  für  die  individuelle  Freiheit  als
Hebel  der  Wirtschaft.
Im  Maße,  wie  der  Gedanke  Rodbertüs’  sich  entwickelt,  wandelt  sich
diese  Gleichgültigkeit  gegenüber  der  individuellen  Freiheit  in  eine  immer
lebhaftere  Feindschaft.  Sein  Vertrauen  in  die  Zentralgewalt  wird  dagegen
immer  stärker,  und  in  seinen  letzten  historischen  Werken  legt  er  eine
organische  Gesellschaftstheorie  dar,  die  ihr  als  Rechtfertigung  dienen  soll.
Er  sagt:  ebenso  wie  in  der  Stufenleiter  der  Lebewesen  die  höchststehenden ­
  diejenigen  sind,  die  zugleich  die  am  höchsten  differenzierten  und  die
am  besten  integrierten  Organe  besitzen,  so  auch  in  der  Geschichte;  im
Maßstabe,  wie  man  von  einer  niederen,  sozialen  Form  zu  einer  höheren
Form  übergeht,  „nimmt  der  Staat  an  Umfang  und  an  Wirksamkeit  extensiv
und  intensiv  zu.  Die  staatliche  Organisation  in  diesem  Sinne  wird  nicht
bloß  von  Stufe  zu  Stufe  mannigfaltiger,  d.  h.  jede  besondere  Funktion
wird  immer  mehr  an  ein  besonderes  Organ  gebunden  —  die  soziale  Organisation ­
  wirkt  auch  von  Stufe  zu  Stufe  übereinstimmender,  d.  h.  die  immer
mannigfaltiger  werdenden  sozialen  Organe  kommen  in  immer  größere
Abhängigkeit  von  einem  Zentralorgan  —,  mit  anderen  Worten,  auch  auf
der  Stufenleiter  der  sozialen  Organismen  entscheiden  Teilung  der  Arbeit
und  Zentralisation  über  den  Grad  der  Vollkommenheit  der  Organisation,
über  die  Höhe  der  Stufe,  welche  der  Organismus  einnimmt“ 2 )-tag,
  der  1871  erschien  und  in  den  Briefen  und  sozialpolitischen  Aufsätzen,
S.  552ff.  wieder  abgedruckt  worden  ist.  —  Der  Gedanke,  den  Wert  zu  bilden,  wie
es  hier  Rodbertüs  versucht,  war  schon  1847  von  Marx  in  seiner  Misere  de  la  phij°*
sophie  mit  Bezug  auf  Proudhon  kritisiert  worden.  Für  ihn  zieht  die  Sozialisation
der  Produktion  die  des  Tausches  nach  sich.  Auch  das  ist  ein  Punkt,  in  dem  Marx  un
Rodbertüs  verschiedener  Meinung  sind.
1 )  Vgl.  Kapital,  S.  229,  Anm.
2 )  Zur  Geschichte  der  römischen  Tributsteuern,  in  den  Jahrbüchern
für  Nationalökonomie  und  Statistik,  1867,  Bd.  VIII,  S.  447,  Anm.-
            
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