Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch,  Die  Abtrünnigen.

zweihundert  Jahren  zu  seinem  vollständigen  Verschwinden  führen  muß 1 ).
Lass  alle  ist  aber  in  erster  Linie  ein  Mann  der  Tat;  er  dürstet  nach  praktischen ­
  Erfolgen.  In  diesem  Augenblick  beginnt  nun  gerade  die  deutsche
Arbeiterschaft  zu  politischem  Leben  zu  erwachen.  Noch  ist  sie  unsicher
über  den  Weg,  den  sie  einschlagen  soll.  1863  suchen  einige  Arbeiter,  ihre
Kameraden  in  einem  Kongreß  zu  vereinigen.  Sie  wenden  sich  an  Lassalle,
wie  an  andere  bekannte  Demokraten,  um  seine  Meinung  über  die  Arbeiterfrage ­
  zu  hören  und  geben  ihm  so  die  gewünschte  Gelegenheit,  sich  eine
Partei  zu  schaffen  und  ihr  Führer  zu  werden.  Welches  Programm  aber
soll  gewählt  werden?  Die  Arbeiter  brauchen,  sagt  Lassalle,  „etwas
Genaues,  Faßbares“ 2 ).  Auf  der  anderen  Seite  „darf  man  das  dem  Mob
freilich  heute  noch  nicht  sagen“ 8 ),  darf  ihm  die  letzten  Ziele  einer  derartigen ­
  Agitation  nicht  enthüllen.  Ohne  daher  seine  Propaganda  mit
einem  zu  entfernten  Ideal  zu  belasten,  konzentriert  er  seine  ganzen  Anstrengungen ­
  auf  zwei  sofort  realisierbare  Forderungen;  eine  politische
und  eine  wirtschaftliche:  das  allgemeine  Wahlrecht  und  die  Schaffung  von
vom  Staat  unterstützten  Produktivgenossenschaften.  Um  die  Massen
für  diese  Reformen  zu  gewinnen,  weist  er  nicht  auf  die  Ausbeutung  der
Arbeiter  durch  die  Besitzenden  hin,  was  die  bürgerliche  Klasse  zu  sehr
erschreckt  haben  würde 4 ),  sondern  nur  auf  das  „eherne  Lohngesetz“,
eine  recht  glückliche  Formel,  die  er  gefunden  hat,  um  Ricardo’s  Theorie
des  notwendigen  Lohnes  zu  bezeichnen.
Wie  Rodbertüs  sehr  gut  gesehen  hat,  muß  man  einen  „exoterischen“
und  einen  „esoterischen“  Lassalle  unterscheiden 6 ),  oder  einfacher:  einen

Briefe  Lassalle’s  an  Rodbertüs,  Berlin  1878,  S.  46.
‘)  Ebd.  S.  44.
3 )  Ebd.  S.  46.
4 )  „Kein  Arbeiter  wird  jemals  vergessen,  daß  jedes  gesetzlich  erworbene  Eigen'
tum  absolut  unberührbar  und  gerecht  ist“,  sagt  er  in  seiner  Rede  vom  12.  April  1862
an  die  Arbeiter  Berlins,  die  unter  dem  Namen  Arbeiterprogramm  bekannt  ist
(Ausg.  Pfau,  Bd.  I,  S.  197).  An  anderer  Stelle  verteidigt  er  sich  gegen  den  Vorwurf,
die  Nichtbesitzenden  gegen  die  Besitzenden  aufzuwiegeln;  er  behauptet  im  Gegenteil,
eine  rein  demokratische  Agitation  zu  entfalten  (Ebd.  II,  S.  141)  und  die  Vereinigung
der  Klassen  zu  erleichtern  (Ebd.  II,  S.  126—127).
6 )  Einführung  Adolf  Wagner’s  zu  den  Briefen  Lassalle’s  an  Rodbeetus,  S.  j -
Lassalle  hat  selbst  diese  etwas  macchiavelistische  Haltung  in  einem  Briefe  an  Mab*
aus  dem  Jahre  1859  im  Voraus  definiert,  in  dem  er  von  seinem  Drama  über  FkaNZ
von  Sickingen  spricht  und  erklärt:  „Unter  diesen  Umständen  scheint  es  ein  Triumph
übergreifender  realistischer  Klugheit  seitens  der  Revolutionsführer,  mit  den  gegebenen
endlichen  Mitteln  zu  rechnen,  die  wahren,  letzten  Zwecke  der  Bewegung  Anderen  .  ■  •
geheim  zu  halten  und  durch  beabsichtigte  Täuschung  der  herrschenden  Klassen,  P
durch  die  Benutzung  dieser,  die  Möglichkeit  zur  Organisation  der  neuen  Kräfte
gewinnen,  um  so  durch  dies  klug  erlangte  Stück  Wirklichkeit  die  Wirklichkeit  selbs
dann  zu  besiegen“  (Briefe  von  Lassalle,  Marx  und  Engels:  Aus  dem  literarischen
Nachlaß  von  K.  Marx,  F.  Engels  und  Lassalle;  veröffentlicht  von  F.  MehkiN
Stuttgart  1902,  Bd.  IV,  S.  133).
            
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