Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

derartigen  Dilemma  fangen.  Sein  Vergleich  der  Gesellschaft  mit  einem
biologischen  Organismus  hat  nur  den  Wert  eines  einfachen  Gleichnisses,
das  heute  fast  allgemein  verworfen  wird.  Ihm  erscheinen  der  wirtschaftliche ­
  Individualismus  und  die  persönliche  Freiheit  als  untrennbar.  Er
teilt  eine  Illusion,  die  zu  jener  Zeit  fast  allen  Volks  Wirtschaftlern  gemeinsam ­
  war.  Es  schien  damals  unmöglich,  über  den  Individualismus  zu
triumphieren,  ohne  die  Freiheit  zu  zerstören.  Wir  wissen  aber  heute,
daß  diese  Ideenverbindung,  wie  viele  andere  ähnliche,  nicht  ewig  ist.  Unser
heutiges  wirtschaftliches  Leben,  das  zwischen  dem  Individuum  und  dem
Staat  eine  immer  größere  Vielfältigkeit  freier  wirtschaftlicher  Genossenschaften ­
  emporkommen  sieht,  beweist  seine  Unhaltbarkeit  mit  jedem
Tage  mehr.
Es  ist  jetzt  leicht,  das  aufzuzeigen,  was  in  der  Lehre  Rodbertus’
so  ausgesprochen  konservative  Köpfe  wie  die  modernen  Staatssozialisten
anziehen  konnte,  die  doch  von  dem  Streben  beseelt  sind,  mehr  Gerechtigkeit ­
  in  unser  wirtschaftliches  Leben  zu  bringen.  Es  ist  dies  zunächst  die
von  Rodbertus  selbst  verwirklichte  Trennung  der  Politik  von  dem  wirtschaftlichen ­
  Sozialismus  und  seine  Abneigung  gegen  jede  Revolution.  An
zweiter  Stelle  steht  seine  „organische“  Auffassung  der  Gesellschaft,  die
seihen  ganzen  Gedankengang  durchdringt.  Der  Staatssozialismus  nimmt
mit  ihm  an,  daß  die  Produktion  und  die  Verteilung  der  Güter  mehr  und
mehr  den  Charakter  „sozialer  Funktionen“  haben;  mit  ihm  kommt  er
zu  dem  Schluß,  daß  sie  sich  der  Kontrolle  der  Individuen  entziehen,  und
daß  sie  eine  immer  mehr  zentralisierte  Leitung  erfordern,  die  dem  Staat
übertragen  werden  muß.  Dagegen  weigert  sich  der  Staatssozialismus,  sich
der  von  Rodbertus  ausgesprochenen  radikalen  Verurteilung  des  Privateigentums ­
  und  des  arbeitslosen  Einkommens  anzuschließen.  Auf  diese
Weise  wird  die  Umformung  des  „Kompromisses“  Rodbertus’  in  ein
sich  selbst  genügendes  System  zur  Hauptaufgabe  der  Staatssozialisten.
Anstatt  hierin  eine  Art  verkleinerten  Sozialismus  zu  sehen,  behaupten
sie  im  Gegenteil,  im  Sozialismus  eine  einfache  Übertreibung  ihrer  eigenen
Lehre  zu  erblicken 1 ).
B.  Lassalle.
Rodbertus  hat  dem  Staatssozialismus  seine  grundlegende  soziale
Theorie  geliefert;  aber  Lass  alle  sollte  dem  Gedanken  der  staatlichen
Einmischung  seine  ganze  Stoßkraft  verleihen.
Die  Kürze  und  der  Glanz  seiner  politischen  Rolle,  die  Macht  seiner
*)  „Der  extreme  Sozialismus,  sagt  Adolf  Wagner,  ist  nur  eine  Übertreibung
eines  partiellen  Sozialismus,  welcher  in  der  geschichtlichen  Entwicklung  des  g e *
sellschaftlichen  und  volkswirtschaftlichen  Lebens  aller,  besonders  der  Kulturvölker
längst  bestanden  hat.“  (Grundlegung,  3.  Ausg.,  Lpg.  1892,  S.  756,  4.  B.,  2.  Kap.,  §  29o-l
            
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