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Erstes Buch. Die Begründer.
werden“ 1 2 ). Und in der Tat zeigen die Physiokraten nicht nur für
das Eigentum an Grundbesitz so große Achtung, sondern überhaupt
für alles Eigentum. „Die Sicherheit des Eigentums ist die Grund
bedingung der ökonomischen Gesellschaftsordnung“ schreibt Qdesnay s ),
und Mebcier de la Riviehe sagt: „Man kann das Eigentumsrecht
wie einen Baum betrachten, an dem die verschiedenen sozialen Ein
richtungen wie die Aste von selbst gewachsen sind“ 3 ). Bis in die
stürmischsten Zeiten der französischen Revolution und der Schreckens
herrschaft findet man diesen Kultus des Eigentums; als jede Achtung
vor dem menschlichen Leben geschwunden war, blieb doch die Achtung
vor dem Eigentum bestehen.
Man sieht, daß die Rüstkammer, aus der die Verteidiger des Groß
grundbesitzes ihre Waffen holen sollten, schon so ziemlich gefüllt war 4 ).
Wenn die Physiokraten auf der einen Seite das Grundeigentum
kräftig verteidigten, so haben sie ihm auf der anderen Seite zahl
reiche und strenge Pflichten auferlegt, die das Gegenstück seiner
hohen Würde bilden. Nicht die Autorität soll diese Pflichten in
Paragraphen fassen, dafür aber der Verstand und die guten Sitten 5 ).
Diese Pflichten sind:
1. Ohne Unterlaß ihr Werk betreiben, nicht das der Bearbeitung,
die sie nichts angeht, sondern die Instandsetzung weiteren Bodens:
die Grundvorschüsse sind fortzusetzen 6 );
2. die Austeiler der von der Natur erzeugten Güter im Interesse
der Allgemeinheit, die Verwalter der Gesellschaft zu sein 7 );
3. die Muße ihres Lebens dazu zu verwenden, der Gesellschaft
*) La Riviere I, S. 242.
2 ) Maxime IV.
3 ) SS. 615, 617.
4 ) Hier ist einer der zahlreichen Unterschiede zwischen Turgot und den Physio
kraten zu beachten: Turgot ist weit weniger von dem sozialen Nutzen des Grund
besitzes und der Reehtmäßigkeit des Besitzrechtes der Grundbesitzer überzeugt. Er
erklärt ihren Ursprung ganz einfach als eine historische Tatsache, die der Besitz
ergreifung, und schwächt dadurch ganz bedeutend die Beweisführung die Physio
kraten. „Die Erde bevölkerte sich; man machte sie mehr und mehr urbar. Vom
besten Boden war zum Schluß überall Besitz ergriffen worden; für die zuletzt ge
kommenen blieb nur sandiger, öder, unfruchtbarer Boden, den die Ersten liegen
gelassen batten. Zum Schluß aber fand jedes Stück Land seinen Herrn und die, die
keinen Boden haben konnten, hatten keinen anderen Ausweg, als die Arbeit ihrer
Arme gegen den Überfluß der Nahrungsmittel der Grundbesitzer einzutauschen“
(I, S. 12). Damit sind wir nicht weit von der Theorie Ricabdo’s entfernt.
5 ) Baudeau S. 378.
6 ) „Ein Grundbesitzer, der stets die Grund-Vorschüsse seines Erbgutes auf
der Höhe hält, tut das nützlichste, was ein Privatmann überhaupt auf Erden tun
kann (Baudeau).
7 ) „Die Reichen sind die Verwalter der Ausgaben, mit denen sie die Arbeiter
entlohnen; sie würden die Letzteren sehr schädigen, wenn sie, um diese Ausgaben
zu ersparen, arbeiteten“ (Quesnay I, S. 193).