Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  III.  Der  Marxismus.

497

Arbeit  unter  normalen  Bedingungen  ein  Wertüberschuß  des  produzierten
Wertes  über  den  verbrauchten  Wert  hinaus 1 ).
Hiermit  kommen  wir  nun  zu  dem  Kernpunkt  der  Beweisführung.
Hierin  „liegt  das  Geheimnis  der  kapitalistischen  Produktion  enthüllt“.
Man  beachte:  der  durch  die  Arbeit  erzeugte  Wert  ist  der,  den  der  Kapitalist
durch  den  Verkauf  der  Erzeugnisse  einstreicht,  und  der  von  der  Arbeit
verbrauchte  Wert  ist  der,  den  der  Arbeiter  als  Lohn  empfängt.  Daraus
folgt  notwendigerweise,  daß  der  ganze  Unterschied  zwischen  diesen  beiden
Werten  in  den  Händen  des  Kapitalisten  zurückbleibt.  Während  der
Kapitalist  das  Erzeugnis  für  10  Arbeitsstunden  (entstandener  Wert)  verkauft, ­
  gibt  er  den  Arbeitern  nur  den  Gegenwert  von  5  Arbeitsstunden
(konsumierter  Wert)  und  streicht  den  Überschuß  ein.  Diesem  Überschuß
gibt  Marx  den  berühmt  gewordenen  Namen  Mehrwert 2 ).
Hieraus  folgt,  daß  der  Kapitalist  10  Arbeitsstunden  des  Arbeiters
einsteckt  und  ihm  nur  5  auszahlt 3 ).  Mit  anderen  Worten,  der  Arbeiter
liefert  dem  Kapitalisten  5  Stunden  unbezahlte  Arbeit.  Während  der
5  ersten  Stunden  erzeugt  er  den  Gegenwert  seines  Lohnes,  von  der  sechsten
Stunde  an  arbeitet  er  umsonst.  Diesen  Überschuß  nicht  bezahlter  Arbeitsstunden, ­
  die  den  Mehrwert  erzeugen,  nennt  Marx  die  Mehrarbeit:  er
will  damit  eine  überpflichtige  Arbeit  bezeichnen,  von  der  der  Arbeiter
r )  Dieser  Beweis  schließt  daher  ein,  daß  der  vom  Arbeiter  erhaltene  Lohn  notwendigerweise ­
  an  Wert  gleich  dem  Wert  der  zu  seinem  Unterhalt  notwendigen  Lebens-Mittel
  ist.  Das  ist  zuletzt  das  alte  klassische  Gesetz  eines  Turgot  und  Ricardo  (siehe
S-  171  f.),  dasselbe,  das  der  Zeitgenosse  und  Rivale  Marx’,  Lass  alle,  mit  dem
tönenden  Namen  des  ehernen  Lohngesetzes  bezeichnete.  Marx  gibt  diesem  Gesetz
®*ne  angeblich  wissenschaftlichere  Grundlage,  weiter  nichts.  ,
Dieser  Beweis  schließt  aber  auch  ein  Postulat  ein,  das  ebenfalls  bewiesen  werdmi
Müßte,  nämlich  daß  die  zur  Erzeugung  des  Unterhalts  des  Arbeitenden  notwer«Bk
Arbeitsmenge  stets  geringer  ist,  als  die,  die  der  Arbeitende  liefern  k(HHp
was  beweist  denn  ,aber,  daß  der  arbeitende  Mensch  mehr  Wert  schafft,  als  er  WP
braucht?  Liegt  hierin  eine  Naturnotwendigkeit?  —  Marx  liefert  hierfür  keinen  Beweis
ünd  scheint  dies  als  Axiom  anzunehmen.  Es  scheint  in  Wahrheit  durch  die  Tatsachen  j
ünd  die  Geschichte  erwiesen,  daß  die  Arbeit  des  Menschen  nicht  in  ihrer  Gesamtheit
v °n  den  Notwendigkeiten  des  Lebens  aufgebraucht  wird;  denn,  wenn  es  so  wäre,  hätte
s 'ch  das  Menschengeschlecht  niemals  vermehren  können,  hätte  es  niemals  Kapitalien
schaffen  können  und  hätte  niemals  die  Zivilisation,  die  Frucht  der  Freizeit,  gekannt.
Ist  es  aber  zuletzt  nicht  der  „Reinertrag“  der  Physiokraten,  den  wir  hier  wiederinden, ­
  nur  mit  dem  Unterschiede,  daß  er,  anstatt  ein  Privilegium  der  landwirtschaftlichen ­
  Arbeit  zu  sein,  eine  jeder  Arbeit  anhaftende  Eigenschaft  ist?
2 )  Siehe  oben  (S.  200—201)  was  hinsichtlich  Sismondi  und  seiner  Auffassung  des
Oberwertes  gesagt  wird.
3 )  Ist  es  nötig,  darauf  hinzuweisen,  daß  diese  Proportion  der  Hälfte  für  den  Wert
der  Arbeitskraft,  was  100  %  für  den  Mehrwert  vorstellt,  hier  nur  wegen  der  Klarheit
er  Ausführung  angewendet  wird?  Und  doch  behaupten  einige  Marxisten,  wie  Jules
Ouesde,  daß  sie  mit  der  Wirklichkeit  übereinstimmt.  Wahrscheinlich  würde  Marx
m  seiner  Schätzung  zurückhaltender  gewesen  sein.
Gide  und  Rist.  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  02
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.