Kapitel IY. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.
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des persönlichen Eigentums und macht daher erst an der Grenze Halt,
die auch der Kommunismus nicht überschreiten kann.
Den Tag der Geburt des sozialen Protestantismus kann man mit
großer Sicherheit festlegen. Er entstand 1850, als in England die Gesell
schaft „for promoting workingmen’s associations“ (zur Förderung von
Arbeitergenossenschaften) und die Zeitung The Christian Socialist 1 )
gegründet wurde, welch letztere ihm als Organ dienen sollte. Die Begründer
der erwähnten Gesellschaft waren zwei Geistliche (später Professoren
der Theologie in Cambridge) Charles Kingsley und Maurice, sowie
einige Juristen, Lüdlow, Hughes und Vansittart Neale. Besonders
der erste erregte damals große Aufmerksamkeit nicht nur durch seine
Beredsamkeit, sondern auch durch den Erfolg seines Romans Alton
Locke (1850), der vielleicht der erste soziale Roman war: er behandelt
die Geschichte eines Schneidergesellen, der unter der Herrschaft des
sweating system’s arbeiten muß, dessen Schrecken damals der Öffent
lichkeit zum ersten Male enthüllt wurden 2 ).
Die Gruppe der „Christian-Socialists“, mit welchem Namen
sie von da an bezeichnet wurde 3 ), hatte als Programm, wie schon der
Name ihrer Vereinigung zeigt, die Organisation von Arbeitergenossen
schaften. In welcher Form? Den Berufsverband, die „trade-unions“
verwarf sie. Weshalb? Vielleicht weil diese Verbände damals nur wenig
bekannt waren und auch keinen besonders anziehenden Anblick boten,
da sie noch an den ersten Kinderkrankheiten litten. Zweifellos aber auch
x ) Ihr war eine andere Zeitschrift, Politics for the People vorausgegangen,
die 1848 gegründet worden war, bis zu welchem Jahr man den Anfang der Bewegung
zurückverfolgen kann. Auf jeden Fall ist sie zur Zeit der französischen Revolution
Von 1848 entstanden.
Es ist nur gerecht, den (1842 gestorbenen) amerikanischen Pfarrer Channing
Wenigstens als Vorläufer anzuführen, dessen Schriften, soweit sie soziale Fragen be
rühren, ins Französische übersetzt worden sind: Les ceuvres sociales de Chanmng,
Vorwort von Ed. Laboulaye. .
Über die Geschichte des christlichen Sozialismus und für weitere Einzelheiten
über diese Bewegung siehe ein amerikanisches Nachschlagewerk: The new Encyclo-
Pedia of social Reform. . . ..
2 ) Im folgenden Jahr hielt Charles Kingsley in London eine Predigt, die einen
großen Skandal verursachte, und auf der Stelle den Widerspruch des Pfarrers der be
treffenden Parochie hervorrief. Kingsley sagte z. B.: „Jedes soziale System, das die
Ansammlung von Kapital in einigen wenigen Händen begünstigt, das die Masse vom
Boden ausschließt, den ihre Väter bearbeitet haben, und das sie zu Tagelöhnern und
Sklaven herabwürdigt, die von Lohn und Almosen leben . . . ist dem Reich Gottes,
*fas Christus verkündigt hat, zuwider.“ Diese Predigt wurde später unter dem Titel:
Botschaft der Kirche an die Arbeiter veröffentlicht.
s ) Maurice sagte: „Wenn ihr Christen seid, müßt ihr Sozialisten sein“, aber in
Einern Munde hatte das Wort Sozialist nicht die Bedeutung, die es seitdem erhalten
bat, was' dadurch bewiesen wird, daß Maurice es selbst wie folgt definiert. „Der Wahl-
s Pruch des Sozialisten ist Kooperation; der des Anti-Sozialisten: Rivalität.“