Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Mit  einem  Wort:  die  Handelsfreiheit  bestand  für  die  Physiokraten
hauptsächlich  in  der  Abschaffung  der  unter  der  alten  Regierungsform
bis  in  den  Himmel  gehobenen  Maßnahmen,  die  darauf  abzielten,  die
Getreideausfuhr  ins  Ausland  zu  verhindern  und  den  freien  Güteraustausch ­
  im  Inland  einzuschränken x ).  Diese  physiokratische  Auffassung ­
  hat  aber  nicht  lange  gebraucht,  um  die  Umstände,  denen  sie
ihr  Entstehen  verdankte,  zu  überflügeln,  und  zur  These  von  der  absoluten ­
  freien  Konkurrenz  zu  werden,  die  Walbas  später  wie  folgt
zusammenfaßte:  „die  freie  Konkurrenz  im  Tauschverkehr  sichert  jedem
Teile  das  Maximum  des  Grenznutzens  oder,  was  dasselbe  ist,  die
Maximalbefriedigung  der  Bedürfnisse.“  Fast  alle  Gründe,  die  während
eines  Jahrhunderts  im  Kampfe  um  den  Freihandel  ins  Treffen  geführt
wurden,  sind  schon  von  den  Physiokraten  formuliert  worden!  Die
hauptsächlichsten  sind:
1.  Die  Widerlegung  des  Beweises  von  der  Handelsbilanz  wird
schon  von  Merciek  de  la  Rivieke  mit  vollkommener  Genauigkeit
geführt:  „Also  du  blinde  und  stumpfsinnige  Politik,  ich  werde  alle
deine  Wünsche  erfüllen!  Ich  gebe  dir  das  ganze  Geld,  das  unter
den  Völkern,  mit  denen  du  Handel  treibst,  im  Umlauf  ist;  jetzt  hast
du  es;  was  willst  du  damit  machen?“  Und  er  zeigt  zuerst,  wie  kein
anderes  Land  dann  noch  etwas  kaufen  kann,  und  wie  damit  alle
Ausfuhr  aufhört,  und  zweitens,  wie  die  ungeheuere  Teuerung  zum
Kaufe  im  Auslande  zwingen  würde,  und  so  das  Geld  wieder  zur  Auswanderung ­
  kommt,  „was  übrigens  das  einzige  Heilmittel  sein  würde“ *  2 ).
2.  Widerlegung  der  These,  daß  die  Zölle  vom  Ausland  getragen ­
  werden.  „Der  Fremde  wird  dir  nichts  verkaufen,  wenn
du  ihm  nicht  denselben  Preis  zahlst,  den  ihm  die  anderen  Völker
geben  wollen.  Wenn  du  einen  Eingangszoll  auf  seine  Waren  legst,
so  wird  derselbe  eine  Erhöhung  des  wirklichen  Preises  sein,  den  der

*)  Das  damalige  Schutzzollsystem,.  gegen  das  die  Physiokraten  ankämpften,
versuchte  die  Industrie  dadurch  zu  entwickeln,  daß  es  die  Ausfuhr  der  Manufakturwaren
  begünstigte,  dagegen  aber  die  Ausfuhr  der  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse
und  Rohstoffe  einschränkte,  um  den  Eabrikanten  billige  und  ausreichende  Arbeitskräfte ­
  und  Rohstoffe  zu  sichern.  Man  kümmerte  sich  durchaus  nicht  um  die  Getreideeinfuhr: ­
  im  Gegenteil,  der  Merkantilismus  und  der  Colbertismus  gaben  den
Landwirt  doppelt  preis,  indem  man  die  Getreideausfuhr  erschwerte  und  die  Getreideeinfuhr ­
  gestattete,  während  man  gerade  das  Gegenteil  für  die  gewerblichen  Erzeugnisse ­
  tat.
2 )  S.  576.  „Wenn  man  der  Sache  auf  den  Grund  geht,  was  haben  Sie  denn
gewonnen,  stets  ins  Ausland  verkaufen  zu  wollen,  ohne  dessen  Waren  aufzunehme*?  .  •  •
Geld,  das  Sie  nicht  zu  halten  vermögen  und  das  Ihren  Händen  entgleitet,  ohne  daß
es  Ihnen  von  Nutzen  gewesen  wäre!  ...  Je  mehr  sich  das  Geld  vermehrt,  um  so
mehr  verliert  es  an  Kaufkraft,  während  die  anderen  Waren,  mit  ihm  verglichen,  ai>
Wert  zunehmen“  (Mehcier  db  la  RivikKB,  S.  580,  583).
            
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