Kapitel IY. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.
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die nach Ruskin aristokratisch, ritterlich, heroisch sein muß, während
s ie nach Tolstoi gleichheitlich, kommunistisch und ländlich sein soll;
der Eine sieht sie mit dem Auge des Ästheten, und der Andere mit dem
eines Muschik; der Eine wünscht vor Allem Helden, der Andere vor Allem
Heilige.
Hier müssen wir auch Thomas Caelyle erwähnen, den Verfasser,
außer zahlreichen anderen Werken, einer Geschichte der französischen
Revolution (1837) und des berühmten Buches: Heroen und Heroen-
v Wehrung. Chronologisch etwas jünger als die beiden Autoren, die wir
•'den erwähnt haben, hat er in der Geschichte der wirtschaftlichen Dok
trinen einen noch größeren Einfluß ausgeübt, und wenn, man ihn auch
incht unter die christlichen Sozialisten rechnen kann, da er eher der
tamilie der Individualisten von der Art eines Nietzsche und Ibsen zu-
phört, so läuft doch sein Einfluß mit dem Ruskin’s parallel. Ihre An
klagen gegen die bestehende wirtschaftliche Ordnung antworten sich
Echos oder vielmehr wie die Wechselgesänge der Chöre in den antiken
Tragödien 1 ).
Caelyle hat am heftigsten gegen die liberale klassische Schule
wurm gelaufen. Er war es, der die politische Ökonomik, wenigstens
wie sie zu seiner Zeit gelehrt wurde, als die dismal Science (die un
keilbringende Wissenschaft) an den Schandpfahl nagelte. Er war es,
uer ihre Abstraktion des Homo oeconomicus mit Spott überschüttete
kud die folgende Definition der Rolle ihres Staates gab: Anarchie plus
jpüzei (anarchy plus constable). Er war es, der das laisser-faire für
bankerott erklärte l 2 ).
Doch beschränkt er sich auf die Kritik und legt kein Programm
Sozialer Reformen vor, — ausgenommen das der Reform des inneren
Lesens, und hierin nähert er sich stark der christlichen Schule 3 ).
l ) „Dreimal verflucht, dreimal ruchlos ist die Lehre der Oekonomisten. Suche
jprst deinen eigenen Vorteil, der zum Schluß der Vorteil Aller sein wird! Unser Meister
a t das nicht gesagt . . (Ruskin, Crown of wild olive, H).
*) Besonders in der berühmten Stelle: „Sie (die Oekonomik) wirf 1 r p 1 o-
5?Phisch-politisch-wirtschaftliches Senkblei in das Meer der menschlichen Leiden.
Wenn sie uns dann mitgeteilt hat, wie tief und unendlich groß der Abgrund ist, bietet
Sle uns als einzigen Trost, daß der Mensch nichts dagegen tun kann, — außer dabei
P Stehen und neugierig das Wetter zu beobachten und dem Spiel der natürlichen
^setze zuzusehen! Ohne uns gerade den Selbstmord zu empfehlen, nimmt sie dann
't diesen Worten gleichmütig von uns Abschied (Caelyle, Chartism).
3 ) „Wenn du darauf bestehst, wissen zu wollen, was zu tun sei? — so laß mich
7.antworten: jetzt fast nichts ... Du mußt auf den Grund deines Wesens hinab-
pigen; vielleicht findest du dort noch den letzten Rest einer Seele. Dann werden
P s nicht nur eine einzelne Tat, sondern, wenn auch mehr oder weniger trübe und un-
estimmt, unzählige Legionen von Taten entgegentreten, die getan werden können-
Ue zuerst das Erste“ (Past and Present, Einleitung, Kap. VI).