Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

folglich  auch,  weil  sie  von  der  schon  im  Besitz  befindlichen  Menge  bestimmt ­
  wird,  da  es  ein  gleichzeitig  physiologisches  und  psychologisches
Gesetz  ist,  daß  jedes  Bedürfnis  begrenzt  ist,  und  folglich  auch,  daß  jedes
Bedürfnis  mit  der  erlangten  Befriedigung  auf  einen  Nullpunkt  herabsinkt, ­
  der  Sättigung  genannt  wird.  Über  diesen  Punkt  hinaus  kann  es
sogar  negativ  werden  und  sich  in  Widerwillen  verwandeln.  Ein  Gegenstand ­
  irgendwelcher  Art  kann  daher  nur  nützlich  sein,  wenn  er  nicht  im
Überfluß  vorhanden  ist.
Solange  man  sich  an  den  Begriff  der  Nützlichkeit  en  bloc,  in  genere
hielt,  bemerkte  man  nicht  das  notwendige  Band  zwischen  Nützlichkeit
und  Seltenheit.  Man  sah  wohl,  daß  jede  Erklärung  des  Wertes  hinkte,
die  sich  nur  auf  den  einen  oder  den  anderen  der  beiden  Begriffe  stützte,
wußte  aber  nicht  weshalb.  Von  nun  an  springt  die  feste  Verbindung
beider  in  die  Augen.  Die  Nützlichkeit  erscheint  als  eine  Funktion  der
Menge,  und  der  Grad  der  Nützlichkeit  ist  gerade  das,  was  man  Wert  nennt.
2.  Ebenso  wie  der  Begriff  des  Grenznutzens  das  Problem  löste,  das
den  Volkswirtschaftlern  so  viel  zu  schaffen  gemacht  hatte,  weshalb  nämlich ­
  Wasser  weniger  wert  sei  als  ein  Diamant,  löst  es  auch  ein  anderes,
das  sie  seit  den  Zeiten  der  Physiokraten  nicht  weniger  Kopfzerbrechen
gekostet  hatte:  wie  ist  es  möglich,  daß  der  Austausch,  der  nach  seinem
Begriff  selbst  den  gleichen  Wert  der  ausgetauschten  Gegenstände  einschließt, ­
  jedem  der  beiden  Teile  Gewinn  bringen  kann?  —  Des  Rätsels
Lösung  lautet  wie  folgt:  im  Austausch  kommt  es  nur  auf  den  Grenznutzen ­
  an,  keineswegs  auf  die  Totalnutzen.  Wo  soll  man  nun  die  für
den  Austausch  wesentliche  Gleichwertigkeit  suchen?  Sie  liegt  für  jeden
der  beiden  Austauschenden  im  Gleichgewicht  zwischen  dem  letzten  erworbenen ­
  und  dem  letzten  hingegebenen  Teil.
Stellen  wir  uns  zwei  Händler  im  Kongogebiet  vor:  Primus  hat  Salz
und  Secundus  Reis.  Sie  wollen  tauschen.  Zu  welchem  Preise  ?  Das  wissen
sie  noch  nicht.  Sie  tasten.  Primus  gibt  einige  Salzkörner  und  erhält
dafür  einige  Handvoll  Reis.  Er  vergleicht  durch  einen  Blick  die  beiden
Haufen,  die  sich  bilden  und  allmählich  größer  werden.  In  dem  Maße  aber,
wie  der  Haufen  Reis  zunimmt,  stellt  jede  neue  Handvoll,  die  dazu  kommt,
einen  abnehmenden  Nutzen  vor,  denn  er  wird  bald  genug  für  seine  Bedürfnisse ­
  haben.  Im  Gegenteil  jedoch,  so  wie  der  Haufen  Salz  größer  wird,
stellt  jedes  Salzkorn,  das  er  hingibt,  für  ihn  einen  steigenden  Nutzen  vor,
denn  er  weiß,  daß  ihm  bald  nicht  mehr  genug  für  seine  Bedürfnisse  übrig
bleiben  wird.  Da  nun  mit  jeder  ausgetauschten  Handvoll  der  Nutzen  der
hingegebenen  Einheit  steigt  und  der  Nutzen  der  erworbenen  Einheit
sinkt,  so  ist  es  selbstverständlich,  daß  in  einem  gegebenen  Augenblicke
beide  gleich  sein  werden.  In  diesem  Augenblicke  nun  wird  Primus  mß e '
halten.  Der  Austausch  wird  sich  auf  Grund  des  Verhältnisses  der  beiden
Haufen  vollziehen,  das  auch  den  Preis  bestimmt.  Selbstverständlich
            
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