Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

571

den  sie  Gebrauchswert  nannten  —  und  dem  sie  wohl  ihre  Reverenz
erwiesen,  den  sie  dann  aber  als  belanglos  liegen  ließen.  —  Dieser  Gebrauchswert ­
  erlebt  nun,  wenn  auch  stark  verwandelt,  seine  Wiedergeburt.
Zunächst  wird  er  endgültig  von  der  Nützlichkeit  im  landläufigen  und
wortbegrifflichen  Sinne  dieses  Ausdruckes  getrennt,  von  der  Nützlichkeit,
die  im  Gegensatz  zu  Schädlichkeit  oder  Überflüssigkeit  steht:  er  drückt
weiter  nichts  aus,  als  die  Fähigkeit,  irgendeinen  Wunsch  des  Menschen
zufrieden  zu  stellen,  sei  er  vernünftig,  dumm  oder  verbrecherisch,  Brot,
Diamant  oder  Opium,  ganz  gleichgültig 1 ).
Zweitens  handelt  es  sich  nicht  mehr  um  die  irgendeinem  Gut  innewohnende ­
  Nützlichkeit,  z.  B.  den  Nutzen  des  Wassers,  des  Eisens  oder  der
Kohle  mit  Hinsicht  auf  die  Bedürfnisse  der  Menschheit,  sondern  um  die
Nützlichkeit  einer  konkreten  Einheit,  die  das  Objekt  unseres  Interesses
als  Tauschender,  Produzent  oder  Verbraucher,  darstellt.  Es  handelt  sich
niemals  darum,  das  Brot  zu  kaufen,  sondern  Brote.  Die  Nützlichkeit
des  Brotes  im  Allgemeinen  ist  mir  gleichgültig;  wie  sollte  ich  sie
übrigens  auch  messen?  Was  mich  interessiert,  ist  allein  der  Nutzen
des  Brotes,  das  ich  brauche.  Diese  einfache  Verschiebung  des
Gesichtspunktes  gestattet  sofort,  die  Dunkelheit  zu  zerstreuen,  in  die  sich
die  klassische  Schule  verirrt  hatte *  2 ).  Und  zwar  folgendermaßen:
1.  Warum  ist  zunächst  die  Wertidee  von  der  der  Seltenheit  untrennbar? ­
  Weil  der  Nutzen  jeder  Einheit  von  der  Stärke  des  bestehenden  und
unmittelbaren  Bedürfnisses,  das  sie  befriedigen  soll,  abhängt 3 )  —  und
*)  Um  die  Verwirrung,  die  aus  dem  Gebrauch  desselben  Wortes  zur  Bezeichnung
zweier  so  verschiedener  Begriffe  entsteht,  zu  vermeiden,  da  sie,  was  man  auch  dagegen
tun  möge,  doch  das  Vorstellungsvermögen  trübt,  hat  Vilfekdo  Pareto  das  Wort
Nützlichkeit  durch  Ophelimität  ersetzt;  ich  wende  in  meinen  Principes  d ! Economie
Politique  seit  1883  das  Wort  desirabilitö  dafür  an.
2 )  „Der  Gedanke  des  Grenznutzens  ist  der:  Sesam,  öffne  dich!,  die  Formel,
die  den  Schlüssel  zu  den  verwickeltsten  Vorgängen  des  wirtschaftlichen  Lebens  gibt
und  gestattet,  die  unentwirrbarsten  Probleme  der  Wissenschaft  zu  lösen“  (Böhm-Bawerk,
  The  Austrian  Economists,  Annals  of  the  American  Academy
°f  political  and  social  Science,  1891).
3 )  Condiixac  hatte  diese  Tatsache  schon  sehr  richtig  bemerkt  (siehe  oben  S.  64f.)
und  vor  ihm  hatte  Buffon  gesagt:  daß  „der  Taler  des  Armen,  der  zur  Bezahlung  eines
unbedingt  notwendigen  Gegenstandes  dient,  und  der  Taler,  der  dem  Geldsack  des
Pinanzherrn  als  letzter  zugefügt  wird,  in  den  Augen  des  Mathematikers  zwei  Einheiten
gleicher  Ordnung  sind,  aber  im  moralischen  ist  der  eine  ein  Goldstück,  während
der  andere  nicht  einen  Pfennig  wert  ist* 1  (Essai  d*arithmetique  morale).
Dieses  Verbindungssystem  zwischen  Menge  und  Bedarf  kann  durch  eine  Kurve
uusgedrückt  werden,  in  der  Art,  daß  es  eine  Nützlichkeitskurve,  wie  eine  Kurve  der
Nachfrage  gibt  (siehe  weiter  unten  S.  681ff.).  Um  sie  einzutragen,  genügt  es,  auf  einer
Horizontalen  die  verbrauchten  Mengen  1,  2,  3,  4  usw.  anzumerken  und  auf  jedem  dieser
Punkte  eine  Vertikale  zu  errichten,  die  die  Stärke  des  Begehrs,  die  zu  jeder  dieser
Mengen  gehört,  proportional  ausdrückt.  Man  wird  diese  Vertikalen  (Ordinaten)  mehr
oder  weniger  schnell  an  Höhe  abnehmen  sehen,  je  nachdem  die  Menge  steigt,  —  um
z um  Schluß  auf  Null  zu  sinken.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.