Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit. 
Es ist daher für die Klarheit der Darlegung besser, in der hedo 
nistischen Schule die Gruppe der Psychologen und die der Mathematiker 
getrennt zu studieren. 
§ 2. Die psychologische Schule. 
Das Hauptmerkmal der psychologischen Schule liegt darin, Alles auf 
den Grenznutzen zu beziehen. Was ist hierunter zu verstehen 1 )? 
Es ist dies der Nutzen im Sinn der alten klassischen Ökonomisten, 
!) Der Name ist je nach den Schriftstellern und den Ländern ein wenig ver 
schieden: Jevons sagt: f i n all degree of utility (letzter Nützlichkeitsgrad), die 
Amerikaner sprechen von „marginal utility“ (Randnutzen), und Walbas wendet 
intensite du dernier besoin satisfait (Stärke der letztbefriedigten Bedürfnisses) 
an. Es ist das auch das, was Walras „rarete“ (Seltenheit) nennt, indem er dieses 
Wort in dem rein subjektiven Sinne nimmt, als das Ungenügende einer Menge für den 
gegenwärtigen Bedarf. Gerade der Überfluß dieser Termini deutet auf eine gewisse 
Nebelhaftigkeit der Ideen hin. Wenn wir wählen sollten, würde uns der Ausdruck 
„marginal“ (Rand —) klarer als „final“ (Grenz-) erscheinen, doch ist „final“ — (finale) 
in Frankreich schon in den Sprachgebrauch übergegangen. Die erste Idee des Grenz 
nutzen, der die psychologische Schule charakterisiert, scheint einem französischen 
Ingenieur, Dopuit, zuzusprechen zu sein. (S. auch weiter unten Coup.not, S. 578 Anm.) 
Sie wird in zwei Abhandlungen über La mösure de l ! utilit6 des travaux publics 
(1844) und über L ! utilit6 des voies de Communications (1849) ausgesprochen, 
die beide in den Annales des Ponts et Chaussees (Jahrbüchern derWegeverwaltung) 
veröffentlicht wurden, deren Bedeutung aber erst viel später erkannt worden ist. Auch 
Gossen hatte sie in dem weiter unten angeführten Werk (vgl. S. 578 Anm.) heraus 
gearbeitet. 
In ihrer heutigen Form wurde sie gleichzeitig von Stanley Jevons in seiner 
Theory of Political Economy (1871) und von Karl Menger in seinen Grund 
sätzen der Volkswirtschaftslehre (1871) dargelegt. Auf der anderen Seite ist 
die Auffassung Walras’ von der Seltenheit ganz ähnlich und ungefähr gleichzeitig 
(1874). Endlich scheint der amerikanische Professor Clark in seiner Philosophy 
of Value, obgleich sie etwas später erschienen ist (1881), unmittelbar, aber auf einem 
anderen Wege zu demselben Gedanken gekommen zu sein. Es ist das ein bemerkens 
wertes Beispiel des übrigens ziemlich häufigen Zusammentreffens der Entdeckungen 
in der Geschichte der Ideen. 
Trotz ihrer kosmopolitischen Ursprünge hat diese Schule den Namen der „öster 
reichischen Schule“ erhalten, weil sie in Österreich ihre bedeutendsten Vertreter ge 
funden hat, unter denen, außer dem sijhon genannten Professor Karl Menger, der 
Professor Sax, Das Wesen und die Aufgabe der Nationalökonomie (1884), 
zu erwähnen ist; weiterhin: v. Wieser, Der natürliche Wert (1889), und besonders 
v. Böhm-Bawerk, Grundzüge der Theorie des wirtschaftlichen Güter 
werts (Jahrbücher für Nationalökonomie, 1886), und sein berühmtes Buch 
über Kapital und Kapitalzins. . , 
Man kann aber sagen, daß heute diese Lehre mehr amerikanisch als österreichisch j 
geworden ist: die Professoren J. B. Clark, Patten, Irving Fisher, Carver, Fetter usw. | 
pflegen den „Randnutzen“ mit Leidenschaft, besonders in der Untersuchung der Güter- 
Verteilung und vor Allem in der Auffassung von Kapital und Zins.
	        
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