Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

572 
Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit. 
folglich auch, weil sie von der schon im Besitz befindlichen Menge be 
stimmt wird, da es ein gleichzeitig physiologisches und psychologisches 
Gesetz ist, daß jedes Bedürfnis begrenzt ist, und folglich auch, daß jedes 
Bedürfnis mit der erlangten Befriedigung auf einen Nullpunkt herab 
sinkt, der Sättigung genannt wird. Über diesen Punkt hinaus kann es 
sogar negativ werden und sich in Widerwillen verwandeln. Ein Gegen 
stand irgendwelcher Art kann daher nur nützlich sein, wenn er nicht im 
Überfluß vorhanden ist. 
Solange man sich an den Begriff der Nützlichkeit en bloc, in genere 
hielt, bemerkte man nicht das notwendige Band zwischen Nützlichkeit 
und Seltenheit. Man sah wohl, daß jede Erklärung des Wertes hinkte, 
die sich nur auf den einen oder den anderen der beiden Begriffe stützte, 
wußte aber nicht weshalb. Von nun an springt die feste Verbindung 
beider in die Augen. Die Nützlichkeit erscheint als eine Funktion der 
Menge, und der Grad der Nützlichkeit ist gerade das, was man Wert nennt. 
2. Ebenso wie der Begriff des Grenznutzens das Problem löste, das 
den Volkswirtschaftlern so viel zu schaffen gemacht hatte, weshalb näm 
lich Wasser weniger wert sei als ein Diamant, löst es auch ein anderes, 
das sie seit den Zeiten der Physiokraten nicht weniger Kopfzerbrechen 
gekostet hatte: wie ist es möglich, daß der Austausch, der nach seinem 
Begriff selbst den gleichen Wert der ausgetauschten Gegenstände ein 
schließt, jedem der beiden Teile Gewinn bringen kann? — Des Rätsels 
Lösung lautet wie folgt: im Austausch kommt es nur auf den Grenz 
nutzen an, keineswegs auf die Totalnutzen. Wo soll man nun die für 
den Austausch wesentliche Gleichwertigkeit suchen? Sie liegt für jeden 
der beiden Austauschenden im Gleichgewicht zwischen dem letzten er 
worbenen und dem letzten hingegebenen Teil. 
Stellen wir uns zwei Händler im Kongogebiet vor: Primus hat Salz 
und Secundus Reis. Sie wollen tauschen. Zu welchem Preise ? Das wissen 
sie noch nicht. Sie tasten. Primus gibt einige Salzkörner und erhält 
dafür einige Handvoll Reis. Er vergleicht durch einen Blick die beiden 
Haufen, die sich bilden und allmählich größer werden. In dem Maße aber, 
wie der Haufen Reis zunimmt, stellt jede neue Handvoll, die dazu kommt, 
einen abnehmenden Nutzen vor, denn er wird bald genug für seine Be 
dürfnisse haben. Im Gegenteil jedoch, so wie der Haufen Salz größer wird, 
stellt jedes Salzkorn, das er hingibt, für ihn einen steigenden Nutzen vor, 
denn er weiß, daß ihm bald nicht mehr genug für seine Bedürfnisse übrig 
bleiben wird. Da nun mit jeder ausgetauschten Handvoll der Nutzen der 
hingegebenen Einheit steigt und der Nutzen der erworbenen Einheit 
sinkt, so ist es selbstverständlich, daß in einem gegebenen Augenblicke 
beide gleich sein werden. In diesem Augenblicke nun wird Primus mß e ' 
halten. Der Austausch wird sich auf Grund des Verhältnisses der beiden 
Haufen vollziehen, das auch den Preis bestimmt. Selbstverständlich
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.