Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

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den  Adel  oder  die  Monarchie  angreifen  zu  wollen,  weit  von  sich.
Was  sie  wollen,  ist  eine  Regierung  unter  der  Form  einer  einzigen,
zentralisierten,  erblichen  Monarchie,  ohne  Gegengewicht  und  allmächtig. ­
  Was  sie  wollen,  und  sie  fürchten  sich  nicht,  es  hei  seinem
Namen  zu  nennen,  ist:  der  Despotismus 1 ).
„Möge  die  souveräne  Autorität  allen  Einzelpersonen  der  Gesellschaft ­
  und  allen  ungerechten  Unternehmungen  der  individuellen  Interessen ­
  einzigartig  und  erhaben  gegenüber  stehen.  Die  Theorie  des
Gleichgewichts  der  Kräfte  in  einer  Regierung  ist  eine  verderbliche
Meinung“  (Quesnat,  Maximes) 2 ).
Wieweit  sind  wir  jetzt  von  der  Trennung  der  Regierungsgewalten
Montesquieu’s  ?  und  ebenso  von  der  Dezentralisation  und  vom  Kantonalismus! ­
  Bemerkenswert  ist,  daß  die  Frage  der  Steuerbewilligung
durch  die  Steuerzahler  überhaupt  nicht  angeschnitten  wird.  Man
darf  aber  nicht  vergessen,  daß  diese  Garantie,  die  der  Ausgangspunkt
der  parlamentarischen  Regierungsform  war,  für  die  Physiokraten
keinen  Sinn  hatte,  da  wie  wir  sehen  werden,  Steuern  für  sie  nur  das
Recht  eines  Miteigentums  des  Herrschers,  ein  Domäneneinkommen
ist,  das  nichts  mit  dem  Willen  des  Volkes  zu  tun  hat.
Wie  soll  man  diesen  wenigstens  scheinbaren  Widerspruch  erklären? ­
  diese  Despotismusanbetung  bei  diesen  Aposteln  des  „laisser
faire“  ?
Der  Grund  liegt  darin,  daß  die  Physiokraten  darunter  etwas
ganz  anderes  verstanden  als  die  landläufige  Bedeutung  des  Wortes.
Für  sie  ist  es  nicht  gleichbedeutend  mit  Tyrannei,  sondern  mit  dem
Gegenteil.  Für  sie  war  es  nicht  einmal  das,  was  man  später  die
Regierung  des  „aufgeklärten  Despoten“  genannt  hat,  der  durch  die
Größe  seines  Genies  die  Menschen  gegen  ihren  Willen  glücklich
flaacht.  Der  Despotismus  der  Physiokraten  ist  kein  anderer,  als  der
^ er  natürlichen  Ordnung,  der  gegenüber  kein  vernünftiger  Mensch
etwas  anderes  tun  kann,  als  sich  ihr  zu  unterwerfen.  Ihr  Despo-...
  Die  Kritiken  der  parlamentarischen  Regierungsform  von  Pupont  de  Nemours
11  er  „die  allgemeine  Korruption  als  notwendige  Folge“  und  „sein  fressendes  Gift,
8,8  die  Vereinigten  Staaten  noch  nicht  ergriffen  hat“  (Brief  an  J.-B.  Say,  S.  414)
" i! ' (  äußerst  merkwürdig,  liegen  aber  außerhalb  einer  Geschichte  der  Doktrinen.
.  l )  „Nur  in  dieser  einfachen  und  natürlichen  Regierungsform  sind  die  Herrscher
wirkliche  Despoten  und  können  alles,  was  sie  für  ihr  Wohl  beabsichtigen,  ausführen“
(Ddpoht,  S.  364).
*)  Die  Physiokraten  verlangten  aber  eine  zu  wählende  Nationalversammlung,
ohne  ihr  jedoch  irgendwelche  gesetzgeberischen  Befugnisse  einzuräumen;  es  sollte
as  e ihfach  ein  Staatsrat  sein,  der  sich  hauptsächlich  mit  den  öffentlichen  Arbeiten
hnd  der  Steuerverteilung  zu  befassen  hätte.  Vgl.  die  Betrachtungen  Esmein’s  über
(R 6 -! 011  4e h  Physiokraten  vorgeschlagene  Nationalversammlung
erichte  der  „Academie  des  Sciences  Morales  et  Politiques“,  1904).
            
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