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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
schaftler besteht der Profit, nach dem Ausdruck Marshall’s, aus einer
„zusammengesetzten— composite“ — Rente 1 ).
Die volkswirtschaftliche Lehre hat also die Theorie Walker’s nicht
ohne Vorbehalte angenommen. Um sich klar zu werden, wie einseitig
und übertrieben sie ist, braucht man nur daran zu denken, daß die an
Aktionäre verteilten Dividenden vom Profit genommen werden. Kann
an sagen, daß diese Dividenden auFden außergewöhnlichen Fähigkeiten
;r Aktionäre beruhen 2 )?
' . | Die Erklärung des Profits ist die interessanteste Ausweitung der
' h -' 4 ' 'Rententheorie. Aber sie ist durchaus nicht die einzige. Von der Lehre
. M . Ricard o’s ausgehend, kommt man dazu, ebenso viele verschiedene Renten
zu entdecken, wie es verschiedenartige Lageverhältnisse in der wirtschaft
lichen Welt gibt. Die derartig verallgemeinerte Rententheorie ist der
Hauptschlüssel, der alle individuellen Verschiedenheiten der Einkommen
zu erklären gestattet. „In Wirklichkeit“ sagt Mild, „stellen alle Vorteile,
die ein Konkurrent über einen anderen hat, seien sie natürlich oder er
worben 8 ), seien sie persönlich oder beruhen sie auf gesellschaftlichen
Bedingungen .. .., den Besitzer dieser Vorteile sofort auf die gleiche Stufe,
wie einen Rentenempfänger.“ So führt die klassische Volkswirtschaft
in die Theorie der Güterverteilung wieder ein wenig von der Mannigfaltig
keit des wirklichen Lebens ein, die sie durch ihre starre Lehre von der
Gleichheit des Zinsfußes und der Gleichförmigkeit der Lohnhöhe zu sehr
aus ihr vertrieben hatte 4 ). Die Theorie der Rente wird eine unentbehrliche
Ergänzung dieser Lehre; sie vollendet sie und gibt ihr ihre endgültige
Gestalt. Sie ist sozusagen der Schlußstein des Gewölbes.
b) Die Rententheorie hat aber noch weitere Veränderung erlitten.
Wie wir gesehen haben, ist die Rente für Ricardo im Wesentlichen
J ) Übrigens kann der Unternehmer gezwungen sein, einen Teil dieser zusammen
gesetzten Rente, sei es dem Grundbesitzer, sei es dem Kapitalbesitzer, dem er seine
Kapitalien entliehen hat, sei es den besonders geschickten Arbeitern, von denen er
profitiert, abzutreten. Welchen Teil aber nun? Das ist die schwierige Frage, die Marshall
in seinen Principles, B. V, Kap. X, § 4, und B. VI, Kap. VIII, § 9ff. untersucht.
2 ) Walker würde vielleicht antworten, daß Dividenden einfache Kapitalzinsen
sind! Dieser Auffassung können wir aber nicht beistimmen.
3 ) Mill, Principles, B. III, Kap. 5, § 4. Dieses Wort „erworben“ (acquis)
steht nicht mit der reinen Theorie über die Rente im Einklang, denn wenn diese Vor
teile erworbene sind, muß die Entlohnung, die sie erhalten, wie die Zinsen eines auf
gewendeten Kapitals betrachtet werden.
4 ) Mill sagt: „Löhne und Profite stellen die allgemeinen Bestandteile der Pro
duktion vor, während die Rente als Vertreter des differentiellen oder besonderen Be
standteils betrachtet werden kann: jeder Unterschied zugunsten gewisser Produzenten
oder zugunsten der Produktion ist unter gewissen Umständen eine Quelle von Gewinn,
der, auch wenn er nicht den Namen Rente trägt — solange seine Auszahlung nicht
periodisch erfolgt —, von völlig gleichen Gesetzen regiert wird“ (Stuart Mill, Prin
ciples, B. III, Kap. VI, § 4).