Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

42 Erstes Buch. Die Begründer. 
rieht, der sich mit der Existenz der natürlichen Ordnung und den 
Mitteln ihrer Erkenntnis befaßt. Hierfür geben sie übrigens als 
Grund an, daß der Unterricht aller Bürger, eine aufgeklärte öffent 
liche Meinung, das einzige Mittel sei, um zu verhindern, daß der 
physiokratische Despotismus in persönlichen Despotismus entarte. 
Wie Quesnay sagt, ist es die öffentliche Meinung, die das Schwert 
führt. Daher muß sie urteilsfähig sein. 
Auch die öffentlichen Arbeiten werden von den Physio- 
kraten als eine Teilaufgabe des Staates bezeichnet; — muß ein guter 
Besitzer nicht zuerst für gute Wege auf seinen Besitzungen sorgen ? 
— denn gute Wege und Kanäle sind ganz besonders wichtig, um 
den Grund für die Ertragsfähigkeit eines Besitztumes zu legen. Sie 
sind eine Art Grundvorschüsse, ähnlich denen der Grundbesitzer. 
Das ist ungefähr Alles*). Diese Aufzählung der Funktionen des 
Staates bleibt dieselbe, ohne viel verbessernde Pinselstriche, für die 
ganze liberalökonomische Schule bis auf Bastiat und Molinari. Wir 
können als Letztes noch erwähnen, daß, ebenso wie späterhin die 
Nationalökonomen der liberalen Schule, die Physiokraten sich voll 
ständig als Internationalisten gebärdeten. Hierin unterscheiden sie | 
sich von ihren Freunden, den fremdenhassenden Chinesen. Nicht nur j 
erklären sie vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte aus, „daß man alle I 
Unterschiede zwischen den Völkern beiseite schieben muß“, sondern 
sie fürchten auch vom politischen Gesichtspunkt aus gerade den ; 
Patriotismus 1 2 ). Es ist eigentümlich, daß die heutigen Friedens 
apostel nicht daran denken, sich auf diese erlauchten Vorläufer zu 
berufen. 
/ § 3. Über die Steuern. 
Wie bekannt, ist die Steuertheorie der Physiokraten eine der 
charakteristischsten Seiten ihres Systems. Sie gehört dazu; sie ist 
untrennbar mit ihrer Auffassung des Reinertrages und des Grund 
besitzes verbunden, und trotzdem hat sie, eine eigentümliche Tat- 
1 ) „Turgot jedoch, der viel weniger landwirtschaftlich gesinnt war, als die 
Physiokraten, billigt ebenfalls gewisse königliche Privilegien, um die Errichtung von 
Fabriken za begünstigen“ (CBuvres I, S. 360). 
2 ) „Man hat die Völker als in einem beständigen Kriegszustand untereinander 
hingestellt; dieses unglückliche Vorurteil hat man sozusagen geheiligt und daraus 
eine Tugend gemacht, die Patriotismus genannt wird“ (Baodeau, S. 808). 
Er bezeichnet als die drei Kardinalfehler der Staaten besonders die, die den 
Fall der griechischen Städte verschuldet haben: Willkür in der Gesetzgebung, Steuer 
druck, gehässiger Patriotismus (S. 800).
	        
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