Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Klassen,  so  daß  wir  zu  dem  bemerkenswerten  Schlüsse  kommen,  daß
die  ganze  Steuer  von  den  Grundbesitzern  gezahlt  werden  muß.  Einige
Seiten  vorher  hat  uns  das  Privilegium,  das  die  Physiokraten  ihnen
ohne  weiteres  zusprachen,  etwas  befremdet:  dies  ist  das  Lösegeld,
und  es  ist  nicht  gering!  Wie  und  nach  welchem  Satze  soll  nun  der
Betrag  festgelegt  werden?
Die  Physiokraten  kommen  zu  einem  Steuersatz  von  einem  Drittel
(nach  Baudeatt  sogar  nur  von  8 / 20 )  des  Reinertrages.  Setzt  man  für
dieses  die  Ziffer  von  2  Milliarden  an,  die  die  Erklärung  zum  Tableau
Economique  berechnet,  so  kommt  man  genau  auf  600  Millionen  Francs
für  die  Grundsteuer  —  und  das  wird  das  ganze  Budget  sein,  da  es
keine  anderen  Steuern  geben  soll 1 ).
Die  Physiokraten  wollen  keineswegs  die  Grundbesitzer  ihres  Einkommens ­
  berauben,  da,  wie  wir  gesehen  haben,  sie  sich  große  Mühe
gaben,  es  mit  vielen  Gründen  zu  rechtfertigen.  Nicht  nur  wollen  sie
ihnen  alles  das  lassen,  was  für  die  Rückzahlung  ihrer  Grundvorschüsse ­
  und  ihrer  Unterhaltungkosten  notwendig  ist,  sondern  auch
alles  das,  was  gebraucht  wird,  um  den  Stand  des  Besitzers  „möglichst
zu  heben“  2 ).  Diese  Sorge,  die  uns  ganz  eigentümlich  erscheint,  wird
den  Physiokraten  von  dem  Gefühl  der  Bedeutung  der  sozialen  Rolle
der  besitzenden  Klasse  diktiert.  „Wenn  irgendein  anderer  Stand“,
sagt  Dupont  de  Nemours,  „dem  der  Grundbesitzer  vorzuziehen  wäre,
würden  sich  alle  Menschen  diesem  anderen  Stande  zuwenden.  Sie
würden  es  unterlassen,  ihre  beweglichen  Güter  zur  Schaffung,  Verbesserung ­
  und  Unterhaltung  von  Landgütern  zu  verwenden.“  Die
Physiokraten  erweisen  also  den  Grundbesitzern  gleichsam  eine  Ehre,
indem  sie  sie  so  hoch  besteuern.
Man  versteht,  daß  die  damaligen  Grundeigentümer,  die  als  Adlige
meistenteils  von  allen  Lasten  befreit  waren,  diese  Steuer  etwas  hoch
gefunden  haben  und  den  Eindruck  hatten,  daß  die  Physiokraten  sie
den  hohen  Rang,  den  sie  ihnen  zuwiesen,  ziemlich  hoch  bezahlen
ließen.  Auch  unsere  heutigen  Grundbesitzer  würden,  das  ist  klar,
bei  einer  Steuertaxe  von  30  °/ 0  auf  das  Bruttoeinkommen  nicht  schlecht
schreien.  Die  Physiokraten  antworten  im  Voraus  auf  diese  Klagen
mit  einer  heute  banal  gewordenen  Beweisführung,  die  aber  bei  ihnen
eine  ganz  außerordentlich  scharfe  ökonomische  Intelligenz  anzeigt:

0  Das  französische  Budget,  das  Necker  1781  präsentierte,  war  fast  das  gleiche,
wie  das  der  physiokratischen  Hypothese:  610  Millionen.  Allerdings  kamen  dazu  die
kirchlichen  Zehnten,  die  Abgaben  an  die  Grundherren  und  die  Dienstleistungen  aller
Art,  die  unter  dem  physiokratischen  System  verschwinden  sollten,
2 )  „Das  Verhältnis  der  Steuern  zum  Reinertrag  muß  so  sein,  daß  die  Lage  der
Grundbesitzer  die  bestmögliche  ist,  und  daß  ihr  Stand  jedem  anderen  in  der  Gesell'
Schaft  vorgezogen  wird“  (Dupont,  S.  356).

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