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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
daraus schöpfen können. Hand in Hand mit dieser Forderung geht die
Begrenzung der Arbeitszeit, ohne die das Recht auf Unterricht ein leeres
Wort bleibt.
2, Die Garantie eines Existenzminimums für einen Jeden;
denn bei der Annahme eines Kontraktes mit rückwirkender Kraft würde
es widersinnig sein, anzunehmen, daß Menschen übereingekommen wären,
in eine Gesellschaft einzutreten, wenn diese Gesellschaft ihnen nicht
zum wenigsten das Recht auf Leben garantiert hätte.. Hierin finden der
Garantismus Sismondi’s und Fourier’s, wie das Recht auf Arbeit
Louis Blanc’s und Considerant’s eine neue Bedeutung und verjüngtes
Leben.
3. Versicherung gegen die Zufälle des Lebens, denn sie
sind auf Grund ihres Charakters Allen gemeinsam. Man weiß, wie schnell
das Gefühl der Solidarität jedesmal zum Durchbruch gelangt, wenn eine
dieser Gefahren sich in großem Maßstab verwirklicht hat und den Um
fang einer Katastrophe annimmt; sobald aber nur ein Einzelner davon
betroffen wird, sollte es nicht anders sein.
Wenn die Theorie der Solidarität Bourgeois’ einen politisch-ju
ristischen Charakter hat, so stellt sich die von Dürkheim auf den durchaus
verschiedenen Boden der Soziologie und der Moral.
Der Verfasser unterscheidet zwei Arten von Solidarität:
1. Eine untergeordnete, die auf den Ähnlichkeiten beruht und
rein mechanisch ist, wie die Kohäsion der gleichartigen Atome in dem.
gleichen Körper;
2. eine andere, die auf den Unähnlichkeiten beruht und an die
Arbeitsteilung gebunden ist: diese zweite besteht in den lebenden Wesen
und macht ihre Einheit aus.
Dürkheim legt dieser zweiten einen unvergleichlichen Wert bei,
und zwar weniger in ihren wirtschaftlichen, als in ihren moralischen
Folgen: „sie wird zur Grundlage der moralischen Ordnung“. Warum?
Weil der Kampf ums Dasein um so weniger scharf ist, je verschiedener
die Endziele sind, die ein Jeder verfolgt 1 ). Und auch deshalb, weil dank
dieser Verschiedenheit Jedes und Aller, es dem individuellen Bewußtsein
gelingt, sich von dem Kollektivbewußtsein frei zu machen. Hierauf bei
ruht die grundlegende Rolle, die Dürkheim der Gewerkschaft bei der
Ausarbeitung des neuen Rechtes zuweist.
Ohne die Wahrheit dieser Unterscheidung bestreiten zu wollen,
glauben wir, daß weder diese Verachtung für die Solidarität auf Grund
') „Dank ihrer sind die Rivalen nicht verpflichtet, sich gegenseitig zu vertilgen,
sondern können nebeneinander bestehen. . . . Wenn wir uns spezialisieren, so geschieht
das nicht, um mehr zu produzieren (wie die Volkswirtschaftler lehren, meint der Ver
fasser), sondern um unter den neuen Daseinsbedingungen leben zu können, die sieb
eingestellt haben“ (Dürkheim, De la Division du Travail Social).