Kapitel III. Die Solidaristen.
655
von Ähnlichkeiten, noch dieser Enthusiasmus für die Solidarität auf
Grund von Verschiedenheiten gerechtfertigt ist. Wir hoffen im Gegenteil,
daß die Zukunft der ersteren gehören wird. Liegt das Endziel der Ent
wicklung nicht gerade darin, aus dem banalen Wort „Unseresgleichen“
eine Wirklichkeit zu machen? Strebt die Welt, anstatt nach wachsender
Verschiedenheit, nicht vielmehr nach wachsender Einheit hin? Dies er
scheint für die physische Welt klar nachweisbar: die Berge werden niedriger,
die Meere füllen sieh aus, die Wärme zerstreut sich im Weltall, die Unter
schiede der Temperatur verringern sich bis zum endgültigen Gleich
gewicht spunkte 1 ). Ebenso werden auch unter den Menschen die Ver
schiedenheiten der Kasten, die Bangabstufungen der Sitten, der Kleidung,
der Sprache, der Maße und Gewichte immer geringer. Der Frack und der
schreckliche Zylinderhut oder, seit dem Kriege, der runde Hut sind be
redte Symbole für dieses Streben zur Einheit. Was nun den Kampf ums
Dasein anbelangt, so scheint es nach dem Zeugnis der Geschichte er
wiesen, daß die Kämpfe zwischen Fremden — Fremde der Kasse, der
Religion, der Kultur, der Erziehung, d. h. also, zwischen Verschieden
artigen — stets am heftigsten gewesen sind, und daß daher jeder Fort- f
schritt zur Einheit ein Fortschritt zum Frieden ist 2 ).
Diese letzte Auffassung scheint uns am besten der Idee zu ent
sprechen, die wir uns von der Solidarität machen müssen, und sie hat auch
den größten moralischen Wert: denn wenn ich für Übel, die der Andere
erleidet, verantwortlich und Mittäter des Übels, das er verübt, sein soll,
so ist dies nur in dem Maße richtig, wie der Andere Ich selbst ist 3 ). Das
hat ZU r praktischen Folge, daß wir die Arten der Assoziation bevor-
Zu gen müssen, die die Menschen auf Grund ihrer allgemeinsten Charakter-
z üge zusammenschließen, gegenüber denen, die sie auf Grund besonderer
pharakteranlagen gruppieren, z. B. die Konsumgenossenschaft gegen
über der Gewerkschaft, denn diese stellt das Interesse der Produzenten
^ 1 ) „Jeder Fluß, der seiner Mündung zuströmt, jede Lampe, die brennt, jedes
"urt, das ausgesprochen wird, jede Bewegung, die man macht, vermindern die Unter-
Sc hiede im Weltall“ (Lalande, De la Dissolution).
. a ) In diesem Sinne hatte der Lausanner Philosoph Charles Secretan die Soli
darität in seinem Buche: La Civilisation et la Croyance verstanden, und so findet
sich auch bei Alfred FouillIse : „Die Solidarität hat den Wert einer Gedankenkraft
Wee-force), die Anerkennung einer tiefgehenden Identität unter den Menschen, eines
Ideals vollkommener Einheit; aus diesem Grunde wird sie, als höchster Gegenstand
aes rationellen Wünschens, für das vernunftbegabte Wesen zu einer Pflicht. . . . Wir
dessen die Einheit des Menschengeschlechts vorwegnehmen, die noch nicht vollständig
! st und es niemals sein wird, indem wir handeln, als ob wir schon Alle in Einem und Einer
n Allen wären“ (Revue des Deux Mondes, 15. Juli 1901).
. . 3 ) Mit seiner gewöhnlichen Autorität hatte Auguste Comte gesagt: „Die Soli-
arrtät beruht gerade darauf, daß die Menschen sich als gegenseitig Einer für den Anderen
»antwortlich betrachten 1 - 1 (Trait6 de Politique, B. II, S. 336).