Kapitel IV. Die Anarchisten.
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vor, nämlich die Leitung der ganzen sozialen Produktion. Die Anarchisten
aber, gestützt auf die liberale Kritik, verwerfen diese Funktion des Staates,
da ihnen seine völlige administrative und wirtschaftliche Unfähigkeit
als klar nachgewiesen erscheint. „Freiheit ohne Sozialismus“, sagt
Bakunin, „ist Privilegium und Ungerechtigkeit: und Sozialismus ohne
Freiheit ist Sklaverei und Brutalität“ 1 ).
Daher kann es nicht wundernehmen, am Ende dieses Buches einige
Seiten einer Doktrin gewidmet zu sehen, die die Verschmelzung der beiden
großen sozialen Bestrebungen vollzieht, die das ganze 19. Jahrhundert
erfüllen.
Jedoch tritt sie uns nicht zum erstenmal entgegen. Proudhon
hatte sie schon formuliert und ihr ihren Namen gegeben. Proudhon
ist auch tatsächlich der wahre Vater des modernen Anarchismus. Wenn
man noch weiter in der Geschichte der Doktrinen zurückgeht, kann
man leicht ähnliche Lehren entdecken, z. B. bei -Godwin am Ende des
18. Jahrhunderts. Doch sind das alles nur vereinzelte Kundgebungen 2 ).
Die Beziehungen des PnouDHON’schen Anarchismus zu dem politischen
und sozialen Anarchismus dieser letzten dreißig Jahre lassen sich da
gegen unzweideutig feststellen. Nicht nur muß die Analogie der Ge
danken auffallen, sondern ihr Übergang von Proudhon auf Bakunin,
und dann auf Kropotkin, auf Reclus und Jean Grave ist ebenfalls
leicht nachweisbar.
Neben dem politischen und sozialen Anarchismus, der den Haupt
gegenstand dieses Kapitels bildet, hat sich eine andere Form des Anar
chismus entwickelt, die, philosophisch und literarisch, als besonders
auffälligen Charakterzug eine fast krankhafte Übertreibung des Ich zeigt.
Diese Lehre stammt aus Deutschland. Ihr bekanntester Vertreter ist
aIax Stirner, dessen Buch „Der Einzige und sein Eigentum“
1844 erschien 3 ), also ungefähr gleichzeitig mit den ersten Werken
') Bakunin, (Euvres, Bd. I, S. 59 (Federalisme, socialisme et antitMologisme).
„ 2 ) Adler zeigt in seinem Aufsatz Anarchismus im Handwörterbuch der
ktaatswissenschaften und in seiner Geschichte des Sozialismus und Kom
munismus (1899, von der nur der erste Teil erschienen ist), daß das anarchistische
Ideal zu jeder Zeit existiert hat und bis auf die griechische Philosophie zurückgeht.
3 ) Der Einzige und sein Eigentum. Das Werk wurde 1882 und 1893 neu
gedruckt. 1902 wurde es ins Französische übersetzt. Stirner ist auch der Verfasser
'‘er deutsehen Übersetzung von Adam Smith und J.-B. Say. Über das Leben Stirner’s
hnd den Kreis, in dem er lebte, findet man höchst interessante Einzelheiten in dem Werk
“eines Schülers J.-H. Mackay; Max Stirner, sein Leben und sein Werk (Berlin 1898,
Seiten), dem wir die verschiedenen Einzelheiten, die der Text bringt, entnehmen.
:“ er wirkliche Name Stirner’s war Kaspar Schmidt. Er wurde 1806 in Bayreuth in
sayem geboren und starb 1856 in Berlin im tiefsten Elend und fast vollständig ver-
assen. Über die Ideen der „Hegelianischen Linken“ und über Stirner wird man mit
Uteresse die Aufsätze Saint-Rene Taillandier’s lesen, die zwischen 1842 und 1850
11 4er Revue des Deux Mondes erschienen.