Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

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der  Steuer,  —  -wenn  man  sie  ihm  hätte  auferlegen  wollen  —  auf  gleiche
Weise  zu  verschaffen.
Zweitens:  Ein  weiterer  Einwurf  ist,  daß  die  einzige  Steuer  für  die
Bedürfnisse  des  Staates  nicht  ausreichen  würde.  „In  mehreren  Staaten,
sagt  man,  würde  das  Drittel,  die  Hälfte  und  sogar  drei  Viertel  des  reinen
Nettoeinkommens  aller  produktiven  Anlagen  nicht  für  die  jährlichen
Ausgaben  des  öffentlichen  Schatzes  genügen  .  .  .,  wodurch  die  anderen
Steuerformen  nötig  werden 1 ).“
Hierauf  antworten  die  Physiokraten,  daß  die  Anwendung  ihres
fiskalischen  Systems  eine  bedeutende  Steigerung  des  Reinertrags,  und
infolgedessen  eine  progressive  Steigerung  auch  des  Steuerertrages  als
Erfolg  haben  würde;  daß  man  ebenso  die  Ersparnis,  aus  der  beinahe
vollständigen  Abschaffung  der  Erhebungskosten  auf  Grund  der  Einfachheit ­
  dieser  Steuer  in  Rechnung  setzen  müßte;  und  endlich,  was  das  Interessanteste ­
  ist,  daß  es  keineswegs  Aufgabe  der  Steuer  sei,  sich  den  Bedürfnissen ­
  des  Staates  anzupassen,  sondern  daß  im  Gegenteil  der  Staat  seine
Bedürfnisse  der  Leistungsfähigkeit  des  Landes  anpassen  müßte.  Der
Vorzug  der  physiokratischen  Steuer  besteht  gerade  darin,  daß  er  den
«teuerertrag  nach  einer  von  der  Natur  selbst  gegebenen  Norm,  nämlich
'Eni  Reinertrag  bcmißt,  ohne  die  der  Willkür  Tor  und  Tür  geöffnet  ist 2 ).
Bn  Grunde  genommen,  ist  dies  eine  viel  wirksamere  Schranke  gegen  die
A ümacht  des  Herrschers,  als  jene,  die  auf  der  phantastischen  Abstimmung
Cl ßes  Parlaments  beruht.
Wie  man  weiß,  ist  das  System  der  Physiokraten  und  im  Besonderen
1  lr  fiskalisches  System  von  einem  ihrer  Schüler  in  die  Tat  umgesetzt
V'orden,  der  den  Vorzug  hatte,  als  Fürst  Experimente  an  seinen  Unterailen
  anstellen  zu  können,  und  zwar  vom  Markgrafen  Karl  Friedrich
Von  Baden  in  drei  Gemeinden  seines  Landes.  Wie  alle  Experimente  mit
sozialen  Systemen  schlug  auch  dieses  fehl.  In  zwei  Gemeinden  mußte
os  nach  Ablauf  von  4  Jahren  (1772—1776)  aufgeben:  in  einer  dritten
*elt  es  sich,  mit  Not  und  Mühe,  bis  zum  Jahre  1802.  Die  Steigerung  der
ei  lr  ^  ® AUDEAU i  8.  770.  „Dieser  Einwurf  beruht  auf  dem  Irrtum,  das  Netto-Jahresnkommen
  mit  einem  fiktiven  Keinertrag,  der  durch  andere  Abgaben  und  dadurch
6  mgte  Lasten  verringert  wird,  zu  verwechseln“  (ebenda,  S.  774).
j,  .  2 )  „Sollte  es  unglücklicherweise  wahr  sein,  daß  drei  Zehntel  des  Gesamtbodeneniertrages
  nicht  genügen  würden,  um  die  laufenden  Ausgaben  zu  decken,  so  bliebe
üb r - 81rie  S er echte  und  vernünftige  Lösung,  die  sich  aus  dieser  Tatsache  ergeben  kann
o ri g,  nämlich  die  Notwendigkeit,  die  Ausgaben  verursachenden  Posten  zu  verringern“
DE  Nemours,  S.  775).
teil  .  3  k° mm t  den  Menschen  nicht  zu,  die  Steuern  nach  ihrem  Gutdünken  zu  ver-F
 01 . 011 «  ° s  f )es teht  hierfür  eine  genau  von  der  natürlichen  Ordnung  vorgeschriebene
daß®]  (Dupont,  Sur  l’origine  d’une  seience  nouvelle).  Sie  bestreiten  ebenfalls,
Hur  ' Gr  ^  natürliche  Grenze  durch  Anleihen  überschreiten  darf,  da  das  doch
eine  Erhöhung  aufgeschobener  Steuern  darstellt.
Otüe  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  4
            
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