III. Das Führerproblem.
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vergewaltigen sie immer." Das ist die Auffassung eines
extremen, aber unerbittlichen Denkers und dem Körn
chen Wahrheit, das darin steckt, kann sich kein ehrlicher
Kulturkritiker verschließen. Diese Stelle, das heißt der
innere Widerspruch zu ihr, ließ mich zuerst nach neuer
Formulierung des Gegensatzes suchen; denn mit der
alten „Aristokratie" kann man Tolstoj schlechterdings
nicht beikvmmen^, da er ja gerade zum Problem macht,
ob sich die beiden Wortteile, Beste und Herrscher, nicht
im Prinzip widersprechen und dies schlankweg bejaht.
Zur Lösung dieser Antinomie kann eine andere Stelle
bei ihm dienen. „Die Lockung der Macht und alles
dessen, was sie bietet an Reichtümern, Ehren, Genuß
leben, erscheint der Tätigkeit der Menschen nur so lange
als ein würdiges Ziel, bis man sie erreicht hat, aber
in dem Augenblick, in dem der Mensch sie erreicht hat,
enthüllt sich ihre Leerheit." Hier kann der Begriff
der Aristagie einsetzen und sich zugleich als ethische For
derung an die Machthaber erweisen; diese Leerheit
gilt es zu überwinden, sie ist auszufüllen durch die
Führertätigkeit zu wertvollen Zielen, dann wird auch
der Ekel nicht eintreten, den Tolstoj meint. Agein ist
gut, kratein ist schlecht; dieses ist die Art von Machtaus
übung, die er mit solcher Wucht angreift, der ja selbst
ein geistiger „Führer" sein will. Richtig ist also, daß
wirkliche Gewalt, Übermacht, Erdrückung fremden
Willens schlecht ist (Akratie); dagegen das Führen un
entbehrlich und darum gut zu nennen ist. Aber es bleibt
noch der Zweifel über den Weg, der dazu führt. Ist
er wirklich auch mit „Stolz, List und Grausamkeit ge
pflastert?" Oder doch weniger schroff mit Überhebung,
Schlauheit und Rücksichtslosigkeit?