362 Dritter Teil. Industrie. I. Allgemeines und Grundsätzliches.
dann nach Belieben zusammenzusetzen und wieder und wieder zu benutzen, war der
leitende Gedanke Gutenbergs. Nun aber galt es, eine ganze Reihe von Nebener
findungen zu machen, die durch kostspielige und langwierige Versuche vervollkommnet
werden mußten, ehe ein brauchbares Ergebnis erzielt werden konnte. Die bleiernen
Lettern und alles, was mit der Schriftgießerei zusammenhängt, die Druckerschwärze,
die Handpresse waren zu diesem Zweck erforderlich. Jahre harter Arbeit, das Heran
ziehen der verschiedensten Erfahrungen von Handwerkern und Künstlern, vor allem
die oft so schwierige Beschaffung von Geldmitteln, — das alles war nur möglich,
wenn der geniale erste Gedanke des Erfinders gestützt und getragen war von einer Cha
rakterstärke, die durch ein langes mühevolles Leben manchmal bis zum Brechen geprüft
wurde. Die Geschichte dieser Erfindung zeigt mit besonderer Deutlichkeit, daß mit
dem zündenden Gedankenblitz, so unerläßlich er ist, nichts ausgerichtet ist, wenn sich
mit dem Genie nicht ein Charakter paart, der die Kraft hat, äußeres Glück, Gesundheit,
ja das Leben selbst zu opfern, um das vorgesteckte Ziel zu erreichen. Wir sehen hier
die ethische Seite des Erfinders im schönsten, zuzeiten aber auch — wie, als Guten
bergs Geldmann Fust mit dem ganzen materiellen und geistigen Besitz des Erfinders
diesen im Stich zu lassen drohte, — wir sehen sie im peinlichsten Lichte, bei dem
tausend andere den Glauben an die Sache und an Recht und Gerechtigkeit verloren
hätten.
Von nun an ging die Menschheit unserer Kulturwelt mit immer rascherem
Schritte auf dem Wege weiter, der sich heute für uns in buchstäblich unabsehbarer
Ferne verliert. Zwei Jahrhunderte später begegnen wir dem eigentlichen Erfinder
der Dampfkraft, einem Franzosen, der in Deutschland und England die Werkstätte
feines Geistes aufgeschlagen hatte. Bei ihm sehen wir wieder, wie zu den Zeiten des
Archimedes, Forschen und Erfinden in engster Verbindung. Papin war ein Gelehrter
mit stark ausgeprägtem Sinn für praktische Betätigung. Er begann die Reihe
seiner Erfindungen mit dem Papinschen Topf, der ersten und einfachsten Form des
künftigen Dampfkessels, und beobachtete und verwertete zuerst die Wirkungen der
Kondensation des Dampfes. Hieran knüpfte sich die erste Form einer Vorrichtung
zur Kraftgewinnung aus Wärme, der glänzendste und fruchtbarste Gedanke seit
Jahrhunderten, der Kern einer heute kaum mehr zu übersehenden Reihe von mehr
oder weniger originellen Erfindungen. Denn bei der Entwicklung der Dampfmaschine
sehen wir auch fast zum erstenmal eines jener komplizierten Erzeugnisse des Erfinder
geistes, die nicht von einem Mann, nicht von einer Generation fertiggestellt werden,
sondern die nach zahllosen Wandlungen, mit immer neuen sinnreichen Verbesserungen
versehen, sich asymptotisch einem gewissen Ideal nähern, in dem erst die Erfindung
als abgeschlossen erscheint. Man ist heute noch nicht ganz klar darüber, ob der
erfindungsreiche Papin in der Tat schon eine Art Dampfschiff gebaut hat, mit dem auf
der Fulda Versuche angestellt wurden. Jedenfalls blieben ihm in Deutschland die
Mittel versagt, sein Schiff nach England zu senden. Aber schon auf der Weser wurde
es von den entrüsteten Schiffern zertrümmert, — eines der hundert Beispiele des
Martyriums wahrer Erfinder. Papin selbst starb im Elend in England und hinterließ
einen letzten wahrhaft erschütternden Brief, in dem er seine Lage und sein Schicksal
beklagt.
Eine wirklich brauchbare Form erreichte die Erfindung bekanntlich unter den
Händen des englischen Mechanikers James Watt, der neben der Genialität des
geborenen Erfinders jene Zähigkeit des Charakters besaß, ohne die ein durch
schlagender Erfolg in solchen Dingen nicht zu erzielen ist. Neben der radikal neuen
Art der Verwendung des Dampfes durch seinen direkten Druck in doppeltwirkendem
Zylinder mit getrenntem Kondensator ersann Watt eine solche Menge von sinnreichen
Einzelnheiten, wie die Anwendung der Kurbel und des Schwungrades, die Drossel-