Kapitel II. ^dam Smith.
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portionalität der Lasten zu der Leistungsfähigkeit eines jeden, auf den
man sich seitdem so oft in Finanzfragen berufen hat 1 ).
Es ist sehr merkwürdig, daß A. Smith nicht imstande war, alle sich
aus seiner Theorie ergebenden Folgerungen zu ziehen. Er scheint ihre
ganze Tragweite nicht sofort begriffen zu haben. Die Theorie der Arbeits
teilung allein genügt schon, um das ganze physiokratische System hin
fällig zu machen.
Nichtsdestoweniger bemüht sich Smith im letzten Kapitel seines
vierten Buches in langen Ausführungen und mit Gründen, die nicht
immer überzeugend sind, die Physiokraten zu widerlegen. Mehr noch, er
vergißt das Prinzip der Arbeitsteilung, eignet sich einen Teil ihrer Lehre
an und kommt nicht dazu, sich von dem Unterschiede zwischen pro
duktiver und unproduktiver Arbeit frei zu machen. Er definiert sie nur
anders. Er nennt unproduktiv alle die Arbeiten, „die gewöhnlich im
Augenblick ihrer Leistung zugrunde gehen und selten eine Spur oder einen
Wert zurücklassen, wofür ein gleiches Maß von Diensten später beschafft
Werden könnte“ 2 ). Dies sind alle die Dienste, denen J.-B. Say den Namen
»immaterielle Produkte“ geben sollte, und die nach Smith die Arbeit
des Dienstboten, die der Verwalter, des Richters, Soldaten und Priesters,
der Advokaten, Ärzte, Schriftsteller, Musiker usw. umfassen. Indem er
in dieser Weise den Sinn des Wortes „produire“, auf die materiellen Gegen
stände beschränkte, hat er einen ziemlich unnützen Streit über die pro
duktiven und unproduktiven Arbeiten geschaffen, einen Streit, den Say
be gann und Stüart Mill wieder aufgriff und der heute zuungunsten
Smitb’s entschieden scheint, und zwar durch eine genauere Auslegung
seiner eigenen Lehrsätze. Es ist in der Tat klar, daß alle Dienste einen
Teilbetrag des jährlichen Einkommens der Nationen ausmachen, und daß
die Gesamtproduktion vermindert würde, wenn nicht besondere Personen
sieh ausschließlich damit beschäftigten, sie zu liefern.
Aber noch besser. Nachdem Smith den physiokratischen Unterschied
zwischen den besoldeten und produktiven Klassen kritisiert hat, gibt er
trotzdem zu, daß die Arbeit der Handwerker und der Kaufleute weniger
IV- Jede Steuer muß so eingerichtet sein, daß sie so wenig als möglich über die Summe,
die sie dem Staatsschätze einbringt, aus der Tasche des Bürgers herausnimmt . . .
(D, S. 243/244, B. V, Kap. TI, Teil 2).
*) Dieser Grundsatz der Proportionalität hat Smith nicht gehindert, an einer
übrigens alleinstehenden Stelle sich zugunsten einer progressiven Steuer auszusprechen.
Derartige unlogische Gedanken finden sich oft bei ihm. Wo er von der Mietssteuer
spricht, bemerkt er, daß die Reichen dadurch härter, als die Armen getroffen werden,
yeil der erstere im Verhältnis mehr als der zweite für seine Wohnung ausgibt. „Es
>st eben“, sagt er, „nicht unbillig, daß der Reiche nicht nur nach Verhältnis seiner
Einkünfte, sondern noch etwas über diese Verhältnisse hinaus zu den Staatsabgaben
beitrage“ (II, S. 254, B. V, Kap. II, Teil 1).
2 ) Völkerreichtum I, S. 194, B. II, Kap. III.