Full text : Die Frau und die Arbeit

Schaft  gegeben  ist,  warum  sollst  du  meine  Stiefel  putzen
und  mein  Frühstück  kochen,  während  ich  im  warmen  Bette
liege  ?  Ist  es  nicht  genug,  daß  dir  die  hohe,  geheimnisvolle
Kraft  innewohnt,  Menschen  zur  Welt  zu  bringen  ?  Laß  dir
daran  genügen.  Und  ich  will  hinfort  beim  Morgengrauen
auf  stehen  und  mir  selbst  meinen  Tee  machen  und  meine
Schuhe  putzen  und  will  dich  genau  so  zahlen  wie  bisher.“
Oder  wenn  seine  Hausfrau,  die  eben  ihr  neuntes  Kind  erwartet, ­
  ihm  ein  schlechter  gekochtes  Mittagessen  auf  den
Tisch  setzen  oder  vergessen  würde,  seinen  Kohlenkübel  zu
füllen,  würde  er  die  erstaunte  Hauswirtin  also  apostrophieren: ­
  „Trägerin  der  Geschlechter!  Menschenschöpferin!
Kannst  du  dir  nicht  an  deiner  hohen  und  edlen  Aufgabe
genügen  lassen,  ohne  dich  abzurackern  ?  Wozu  schleppst  du
den  schweren  Kohlenkübel  vom  Keller  herauf,  und  wozu
bückst  du  dich  über  den  heißen  Herd  und  erschöpfest  Nerven, ­
  Gehirn  und  Muskeln,  die  für  weit  höhere  Pflichten  bewahrt ­
  bleiben  sollen  ?  Wir,  die  Männer  des  Volkes,  wollen
alle  die  niedern,  schmutzigen  und  aufreibenden  Arbeiten
verrichten.  Den  Frauen  sei  Schönheit,  Ruhe  und  Frieden!
Ihre  Aufgabe  ist  es,  Leben  zu  spenden,  nicht  es  durch  Arbeit ­
  zu  erhalten.  Mutter!  Mutter!  wie  wundervoll  das
klingt!  Mühet  euch  nicht  mehr  —  Ruhe  gebührt  euch,  Arbeit ­
  und  Plage  uns!“  —  Wird  er  ihr  nicht  vielmehr  erklären, ­
  daß  er  die  Wohnung  aufgeben  werde,  wenn  sie  ihn
nicht  aufmerksamer  und  emsiger  bediene,  so  daß  sie  dann
ihren  Mietzins  nicht  aufbringen  könnte  und  vielleicht  mit
ihren  Kindern  und  ihrem  kranken  oder  trunkenen  Mann,
den  sie  zu  erhalten  hat,  auf  der  Straße  stünde  ?  Denn  auffallenderweise ­
  ist  es  nicht  die  Arbeit  der  Frau  oder  das
Maß  der  Körper  und  Geist  gleich  erschöpfenden  Arbeit,
wogegen  diese  Art  von  Theoretikern  sich  wendet,  sondern
es  ist  nur  die  Form  der  Arbeit  und  die  Höhe  der  Entloh-°ung.
  Nicht  über  die  physisch  arbeitende  Frau  regt  er  sich
auf,  selbst  nicht  über  die  seiner  eigenen  Gesellschaftsklasse,
            
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