Full text: Die Frau und die Arbeit

rade jene feineren Eigenschaften, die in dem einen Gesell 
schaftsstadium von Nachteil sind, in dem andern höchsten 
sozialen Vorteil verleihen. 
Der erfahrene Diplomat oder Politiker, so einflußreich er 
in seiner Sphäre sein mag, wird während eines Sturmes an 
Bord eines Schiffes plötzlich von viel weniger Wert und 
Bedeutung sein als der einfachste Seemann, der ein Segel 
zu raffen oder das Steuer zu führen versteht. Und fände 
sich eine Gesellschaft hochzivilisierter Männer und Frauen 
plötzlich wieder in den Naturzustand zurückversetzt, so 
würde sich, wie schon früher bemerkt, der Wert ihrer Mit 
glieder vollständig umkehren; nackt und schutzlos auf einer 
wüsten Insel ausgesetzt, im Kampfe mit Raubtieren und 
Wilden, genötigt, der Natur Nahrung abzuringen, würde 
sich die primitive menschliche Rangordnung sofort wieder 
hersteilen. Nicht der mächtige Finanzier, der gelehrte 
Richter, der große Dichter oder Gelehrte wären die Ge 
suchten, sondern der einfältigste Tagelöhner, der nur einen 
Stein so zu schleudern vermag, daß er einen Vogel trifft, 
und in einem Tag eine Mauer aufzuführen, die allen Schutz 
gewährt. Der Mann aber, der stark genug wäre, mit seinem 
Knüttel einen Feind oderein wildes Tier zu erschlagen, würde 
sofort gesellschaftliches Ansehen und persönliche Aus 
zeichnung und wahrscheinlich eine Machtstellung erlangen. 
Nicht eine Tänzerin, die in unserer Zivilisation in einer 
Nacht Hunderte Pfund verdient, nicht die gebrechliche, 
zarte Schönheit, sondern die Magd mit breitem Rücken 
und starken Armen, die Holz sammeln und Wasser tragen 
kann, wird das wertvollste und gesuchteste Weib in solch 
einer Gemeinschaft sein. Selbst in der Tierwelt besteht die 
selbe Umwertung, je nachdem die äußeren Umstände sich 
ändern. Der Löwe, der in der Wildnis, dank seiner unbe 
zähmbaren Wildheit, Größe und Raubgier, alle andern Ge 
schöpfe beherrscht, fällt dem Untergang und dem Aus 
sterben anheim, wenn er mit den neuen Zuständen inner- 
9* 131
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.