Gesellschaft und jeder Klasse, in der die „neue Frau“ exi-
tiert, steht heute — der „neue Mann“.
Und fragt man nun, wenn der Mann unter dem Druck
der Verhältnisse die gleiche Umwandlung durchmacht:
Wieso kommt es, daß sie bei der Frau die allgemeine Auf
merksamkeit auf sich zieht, bei den Männern aber fast un
bemerkt bleibt ? — so liegt die Erklärung darin, daß dank
der geringen Handlungsfreiheit der Frau in der Vergan
genheit jeder Versuch einer Anpassung von ihrer Seite auf
großen Widerstand stößt, und der Lärm und die Reibung
des Widerstandes sind es, mehr als die tatsächliche Größe
der Veränderung, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Wie ein Bergstrom, der nach langem Winterfrost das Eis
bricht und unter Lärmen und Rauschen alle Hindernisse,
die sich in seinem Bett angesammelt haben, hinweg
schwemmt, die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht, wäh
rend später das viel größere Wasser, das still seinen Weg
geht, von niemand beachtet wird. (Eine interessante prak
tische Illustration dieser Tatsache ist die große Aufregung,
die es hervorrief, als vor einigen dreißig Jahren die ersten
drei Frauen in England Medizin zu studieren anfingen.
Heute studieren jährlich Hunderte von Frauen, ohne im
geringsten allgemeines Interesse zu erwecken; die Wand
lung, die vor sich geht, ist eine weit größere an Umfang
und sozialer Bedeutung, aber nachdem die ersten Hinder
nisse beseitigt sind, macht sie kein Aufsehen mehr.)
Es besteht keine größere Kluft, vielleicht nicht einmal
eine so große zwischen den Frauen der vergangenen Ge
neration und der typischsten modernen Frau, als die zwi
schen den Männern jener Zeit und dem Typus eines ganz
modernen Mannes.
Uie sexuellen und sozialen Ideale, welche der jagende,
trinkende, spielende, ein lockeres Leben führende Land
edelmann oder der Geistliche, Rechtsanwalt und Politiker
hegte, der an der Spitze der Gesellschaft seiner Zeit stand,
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II Sehreiner, Die Frau