Full text: Die Frau und die Arbeit

der moderne Mann von dem Ideal seines Geschlechts eben 
falls diese Type ausschließen. Wohl bestehen Wettrennen, 
Spieltisch, Bordell und ausschweifende Gewohnheiten noch 
unter unseren Männern, aber ein selbst oberflächliches Stu 
dium unserer Gesellschaft zeigt, daß diese Einrichtungen 
und Sitten jetzt einen andern Rang einnehmen. Der Poli 
tiker, Geistliche oder Jurist wird seine öffentliche und soziale 
Stellung durch starke Neigungen in diesen Richtungen 
nicht verbessern; seine Genossen unter den Tisch trinken, 
notorisch die größte Zahl illegitimer Verhältnisse zu be 
sitzen, als ein Stammgast der Spielsalons zu gelten, erhöht 
selbst nicht einmal mehr den Ruf gekrönter Häupter und 
erweist sich beim gewöhnlichen Mann als Hindernis des 
Erfolges. Wenn die Vorstellung der Liebe zwischen den 
Geschlechtern bei der neuen Frau eine mehr seelische 
und geistige als rohe und rein physische ist, so gelangt 
in der von typischen modernen Männern geschaffenen 
typischsten Literatur und Kunst dasselbe neue Ideal 
mit einer von keiner Frau übertroffenen Kraft zum Aus 
druck. 
Wenn der modernen Frau die Lebensgemeinschaft mit 
einem fluchenden und saufenden Landedelmann unerträg 
licher wäre als der Tod oder vollständiges Zölibat, so würde 
der moderne denkende Mann nicht minder vor der Aus 
sicht, sein Leben lang an ein fortwährend in Ohnmacht fal 
lendes, weinendes und schmachtendes Frauenzimmer ge 
fesselt zu sein, zurückschrecken. 
Wenn irgendwo auf Erden das vollendete Wesen, das die 
moderne Frau sein möchte, — die arbeitende, reife, freie, 
starke, furchtlose und gütige Frau — existiert, so ist es im 
Herzen des neuen Mannes, gezeugt von seinem eigenen 
höchsten Bedürfnis und Streben; und der höchst entwic 
kelte moderne Mann wird sein Idealbild voll entwickelter 
Mannheit nirgend eher finden als in dem Mannesideal, das 
im Herzen der neuen Frau lebt.
	        
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